Alte-Musik-Sommer Prag feiert »Phantasy«
Einst waren sie die bevorzugten Streichinstrumente, bevor sie von den Violinen verdrängt wurden: die Gamben oder Viole da Gamba – wie ihre Schwestern gibt es sie in verschiedenen Größen (mindestens) von Diskant (Sopran) bis Baß oder gar Subbaß. Consorts bevorzugten Gamben und Flöten eindeutig. Beide Streicherfamilien boten jeweils überwiegende und überzeugende Qualitäten. Die Gamben mit ihrem schönen, schmeichelnden und farbenreichen Klang hatte zahlreiche Freunde – und haben sie bis heute. Zwar übernahmen die Violinen in den wachsenden Kapellen und den größeren Sälen wegen ihrer stärkeren Strahlkraft irgendwann die Führung, trotzdem dauerte dieser Prozeß dieser Verdrängung der Gamben bzw. der Durchsetzung der Violinen im Konzertleben etwa ein Jahrhundert. Die Liebhaber blieben ihren Viole da Gamba natürlich treu!
Das Palais Lobkowitz in Prag verbindet beide Welten: die fürstliche Familie, die unter anderem Beethoven förderte, empfing hier Wolfgang Amadé Mozart und Carl Maria von Weber, die im Kuppelsaal Konzerte mit Violinen gaben. Kleinere Räume sind wie geschaffen für ein Gambenconsort. Am Mittwoch waren Vittoria Ghielmi und sein Quartett im Festsaal von Palais Lobkowitz zu Gast. Sie hatten – trotz einer zeitlichen Konzentration vom späten 16. bis zum mittleren frühe 17. Jahrhundert – nicht allein eine Vielfalt an Werken mitgebracht, sondern ganz unterschiedliche Darstellungsformen, welche die Temperamente der Gamben offenbarte.

Mit kleinen Ausnahmen konzentrierte sich das Programm auf englische Musik, englische Komponisten bzw. englische Sammlungen. Darunter fanden sich Ausnahmen, wie ein anonym überlieferter Tanzsatz »When Daphne from fair Phoebus did fly« (als Daphne von der schönen Phoebe floh) aus einer Leipziger Sammlung. Vittorio Ghielmi (Diskant), Réka Nagy (wechselweise Alt und Tenor) sowie Christoph Urbanetz und Marius Malanetchi (Baß) hatten das Stück an Giles Franabys »Daphne on the rainbow« (Daphne auf dem Regenbogen) angeschlossen. Ensembleleiter Vittorio Ghielmi erklärte später die Bedeutung von Songs und Tunes, also die Verwendung von Melodien, Liedern und Texten für das, was man heute »Hausmusik« nennen würde. Oft steckte nämlich eine Geschichte dahinter, die den Spielern vertraut war, und sie phantasierten gemeinsam über solche Themen.
Das konnte wunderbar klingen wie zum Beginn, wenn alle vier im Consort-Charakter zusammen klangen und die Seele kitzelten, mit der singenden oder vortragenden Diskantgambe, die vom sonoren Ton der »mittleren Schwester« gestützt und den beiden Baßgamben umrahmt wurde. Dieses »Kitzeln« wurde teils fast körperlich, traf mitten ins Herz.
Das Gambenquartett erreichte einerseits diese consorttypische Geschlossenheit, stellte anderereits einzelne Stimmen gegenüber, mitunter sehr emotional. Gerade die Fantasias Henry Purcells, der immer wieder im Programm auftauchte, zeigten dabei die Vielfalt der Gefühle – mag die Melancholie damals geradezu beliebt gewesen sein, so waren viele der Stücke entweder mehrteilig oder boten ein »erhebendes« Finale. Nicht allein die Lebhaftigkeit der vier Spieler, sondern die luftigen Stimmen, die sich bis in den Baß noch »heben« konnten, sorgten dann für Auflockerung und Erfrischung – die Melancholie wußte Purcell durchaus zu dosieren.
Es gab aber auch ganz andere Musik, denn den kunstvollen Tanzsätzen, die sich vom Ursprung weit entfernt hatten und der Darstellung von Virtuosität und Zierde dienten (wie später bei Bach), standen echte Tanzsätze gegenüber, denn die Gambenconsorts spielten tatsächlich zu musikalischen Anlässen, zu denen getanzt wurde. Immer wieder gefielen dem Publikum gerade diese rhythmisch raffinierten und bewegenden Stücke, wie John Playfords »Pauls steeple« aus »The Englisch Dancing Master«, einer der berühmtesten Sammlungen überhaupt. Martin Peersons »Now Robin laugh and sing« präsentierte nicht nur den wiedergewonnenen Frohsinn Robins, sondern führte unter all den Temperamenten vor, daß Gamben sogar juchzen können!
Musikalische Schlachtengemälde (Battaglia) waren einst ebenso ein Modethema, das wir unter anderem von Claudio Monteverdi kennen. Tobias Hume und John Jenkins hatten solche Auseinandersetzungen ebenfalls in Noten gefaßt – in »A soldiers resolution« (Hume) und »Newarke sedige« (Jenkins) endeten diese höchst unterschiedlich: das eine mit dem Abmarsch, das andere im Lamento.

Das Gambenquartett wurde vor allem von den starken Stimmen Vittorio Ghielmis und Réka Nagys belebt, wobei der Leiter zweimal zur Baßgambe griff: für die solistische Darstellung der Trommeln und Fanfaren in »A soldiers resolution« sowie für Tobias Humes »Spirit of gambo«.
Trotz des im Temperament wechselnden Konzerts ergaben sich immer wieder Schwerpunkte, die mit ihrer Geschlossenheit faszinierten, wie Robert Johnsons »The temporiser« (der Zeitschinder / Zögerliche). Dem stellte Vittorio Ghielmis eine eigene Phantasy gegenüber, in der die Diskantgambe der Violine in Sachen Virtuosität in nichts nachstand – glatt so, als kenne sie Bach, Sibelius oder Sarasate!
Das Finale galt noch einmal zwei Tanzsätzen Henry Purcells, wonach das Publikum trotz später Stunde und hoher Temperaturen aber noch zwei flotte Zugaben forderte.
31. Juli 2026, Wolfram Quellmalz
