Joachim Aßmann beim Dresdner Orgelsommer
Während der Sommerferien pausieren nicht nur die Dresdner Kreuzvespern, das Ferienprogramm des Orgelsommers beginnt auch bereits zwei Stunden früher um 15:00 Uhr. Doch der Termin ist seit Jahren etabliert, daher kamen diesen Sonnabend wieder zahlreiche Gäste, so daß die Besucherzahl auf dem Niveau vieler Vespern blieb.
Joachim Aßmann (Kantor der Herz-Jesu-Kirche Koblenz) hatte für die dreiviertel Stunde sechs Werke aus drei Jahrhunderten zusammengestellt, die ein paar Gemeinsamkeiten im Ursprung oder Text aufwiesen, vor allem aber kehrte immer wieder ein hymnischer Charakter wieder – da konnte sich niemand von der vorübergehenden Sommerpause des Wetters verdrießen lassen!
Marcel Duprés Entrée, Canzona et Sortie Opus 62 schien ohnehin den Regen zu vertreiben. In den repetierenden Tönen des Stakkatos konnte man vielleicht ein stetiges Tropfen wiederfinden, doch die Aufhellung und Vertreibung begann schon hier. Stetig schreitend trieb das Entrée unbeirrt voran. Die dunkle Canzona konzentrierte danach die Stimmung, bevor am Ausgang (Sortie) die Sonne klangbildlich die Dunkelheit durchdrang.
Mit Naji Hakims Salve Regina folgte eines der modernsten Stücke im Programm, gleichzeitig vielleicht eines der speziellsten – der Komponist, wiewohl er auch Orchesterliteratur schreibt, ist vor allem mit Chor- und Orgelwerken bekannt. In Dresden erklangen bisher überwiegend Orgelkompositionen, aber stets mit großem Erfolg. Vielleicht liegt es daran, daß der Franzose mit libanesischen Wurzeln in seiner Musik so gekonnt unterschiedliche Idiome vereinigt. So schienen in Salve Regina wieder unterschiedliche »Welten« aufeinanderzutreffen, eine europäisch-katholische und eine asiatische. Über einem stehenden tonalen Grundgerüst blinkte zunächst ein Dreiklang auf, ausgesprochen hell, als seien es Sterne, auch die Melodie des Marienliedes erklang aus hoher Sphäre wie Himmelsmusik. Der wiederkehrende, nun absteigende Dreiklang und ein arpeggierender »Vorhang-Akkord« beschlossen das eindrucksvolle Werk – so nahbar kann zeitgenössische Musik sein!

Danach besann sich Joachim Aßmann auf historische Bearbeitungen des Chorals »Was Gott tut, das ist wohlgetan«. Zunächst nach Johann Gottlob Töpfer, einem Zeitgenossen Gioacchino Rossinis, worauf Alexandre Guilmants Opus 93 folgte. Töpfers Choralvorspiel gab seinen Ursprung unmittelbar zu erkennen und stellte erste und zweite Stimme im innigen Dialog gegenüber, als singe es eine Gemeinde im Gottesdienst für sich selbst. Mit Alexandre Guilmant entfaltete sich der Choral als freies Orgelstück, stellte in den Variationen einerseits eine dunkle, trauernde, fast zagende Fassung dar, erreichte aber – noch mehr als bei Hakim – den Eindruck einer aus höchster Höhe kommenden Musik, dabei blieb die Orgel natürlich gleich hoch wie immer über dem Kirchenschiff. Gleichzeitig schien der Choral übermächtig bzw. ansteckend und die Seele stärkend zu wachsen. Unter den hellen und hymnischen Momenten des kleinen Orgelkonzerts war dies sicherlich der hymnischste Moment!
Wie schön, wenn selbst kleine Orgelpräsentationen nicht nur beliebte oder bekannte Werke berücksichtigen, sondern auch Überraschungen bieten. Der zeitgenössische Komponist Zsolt Gárdonyi dürfte den wenigsten vor dem Konzert des Orgelsommers bekannt gewesen sein. Seine Hommage à Marcel Dupré erwies sich nicht nur als Referenz an den französischen Organisten und Komponisten, sondern folgte seiner Klangsprache und vereinte eine Melodie über einer flink fließenden Begleitung aus kleinen Ornamenten, die bald die Form (französischer) sinfonischer Orgelmusik berührte, sie aber um moderne Stilelemente wie Cluster erweiterte.
Mit Flor Peeters‘ Toccata, Fugue et Hymne sur »Ave maris stella« Opus 28 schloß Joachim Aßmann das Programm, indem er noch einmal auf die Verarbeitung eines Kirchenliedes bezugnahm. Nach der Eröffnung setzte sich die Fuge zunächst aus der Schlichten Liedmelodie zusammen, doch wie ein aus einfachen Steinen gefügter Kirchenbau wuchs sie dabei immer prachtvoller. Das Finale der (nun auch so genannten) Hymne fiel entsprechend strahlend aus.
2. August 2026, Wolfram Quellmalz
Bis zum Ferienende gibt es noch zwei Orgelsommer-Konzerte. Am nächsten Sonnabend spielt Domorganist Christian Otto (Magdeburg) Werke von Johann Sebastian Bach, August Gottfried Ritter und Max Reger.