Paris, London, Leipzig … Bad Schandau

Kreuzorganist Holger Gehring beim Internationalen Musiksommer Bad Schandau

Nicht nur in Dresden, auch im ländlichen Bereich gibt es manche Angebote, die über die konzertarme Zeit des Sommers hinweghelfen. In der St. Johanniskirche Bad Schandau begann Ende Juni der Internationale Musiksommer. Bis zum 19. September präsentieren verschiedener Beteiligte eine Mischung überwiegend klassische Konzerte. Regionale und lokale Musiker, wie die Capella Musica Dresden, findet man in den Programmen ebenso wie solche aus dem Ausland. Traditionell gibt es jeweils einen Termin in Kooperation mit dem Festival Junger Künstler Prag »Mladá Praha« (in diesem Jahr am 11. September), aber das Attribut »international« findet sich ebenso in den Programmen wieder.

So führte das Konzert von Kreuzorganist Holger Gehring am Freitag bis nach London und Paris, aber auch die Musikstadt Leipzig war darin verankert. Es begann aber französisch mit Alexandre Guilmants Morceau de concert Opus 24. Scheinbar nur ein »Konzertstück«, doch es setzt sich mehrteilig aus Prélude, Thème sowie Variations et Final zusammen. Interessant war, wie das Prélude – quasi zum Einzug – eine Sonnenaufgangsstimmung wob, an die das lichte Final später anschloß. Dazwischen konnte man die Jehmlich-Orgel in allen Farben leuchten hören, daß selbst Kantorin Daniela Vogel noch staunen durfte. Denn zwischen einzelnen Pfeifen und Plenum-Stimmen, hellem und verdunkeltem Vortrag, gedrungener Melodie und Fanfarenklang liegt eine große Spannweite, die auch die Harmonie eines Akkordeons einschloß. Die Mischung macht es, denn diese Stimmungen werden nicht durch Ziehen des einen entsprechenden Registers erzeugt, sondern durch die geschmackvolle Kombination vieler Registeranteile. So konnte Alexandre Guilmants Morceau eine erstaunliche Größe entwickeln.

Deutlich »kleiner«, aber nicht weniger reizvoll, waren vier Auszüge aus den Five short pieces (Fünf kleine Stücke) von Percy Whitlock. Holger Gehring hatte zunächst Allegretto und Folk tune ausgewählt, später folgten Andante tranquillo und Scherzo. Die Stücke waren konzentrierter, nicht nur im Verhältnis kürzer, sondern hatten meist einen leicht gedämpften Charakter. Allerdings nicht im Sinne eines Bremsens, sondern eines Zurücknehmens, das andeutet, was da noch steckt: eine choralähnliche Melodie, ein Lied, eine geheimnisvolle Spannung und ein heiterer, entspannter Ausklang. Also Spannung in Paris und Entspannung in London?

Eher nicht, denn die Londoner feier[te]n ebenso gern und lassen »die Korken knallen«. In diesem Sinne zumindest, für festliche Anlässe, sind einige Märsche von Edward Elgar entstanden. Der Imperial March Opus 32 (Orgelbearbeitung von George C. Martin), für das 60. Krönungsjubiläum von Queen Victoria geschrieben, war weniger fürs Marschieren gedacht als für das (rüstige) voranschreiten des Festes. Volkstümlich und fröhlich ließ ihn Holger Gehring mächtig anschwellen – da waren die Spannungsspitzen in Paris und London wieder gleich hoch.

Drei (nicht) vergessene Organisten bzw. Kantoren und Komponisten: Percy Whitlock (CD-Abbildung, Bildquelle: Sicus), Sir George Clement Martin (Aufnahme aus The Musical Times, Ausgabe vom 1. Juli 1897, Bildquelle: Wikimedia commons) und Oskar Lindberg (ca. 1945, Bildquelle: Wikimedia commons)

Obwohl die Orgel der St. Johanniskirche Bad Schandau nicht riesig ist, zumindest deutlich kleiner als das Dienstinstrument von Holger Gehring in der Kreuzkirche, bietet sie doch eine Vielzahl von Stimmen, die sich in Farb- und Helligkeitsgraden unterscheiden. Mit Oskar Lindberg kam eine weitere Metropole ins Programm: Stockholm. Der Komponist hatte das alte schwedische Hirtenlied »Gammal fäbodpsalm från Darlana« (Sennhüttenpsalm aus Dalarna) für die Orgel bearbeitet, der Liedcharakter blieb dabei erhalten. Einerseits eine zurückgenommene, leicht verdunkelte Singstimme, trotzdem näherte sich das kurze Werk in seiner komplexen, verwobenen Begleitung der Orgelsinfonik. (Das Stück existiert auch in verschiedenen Bearbeitungen, gerade für Bläser.)

Felix Mendelssohn war mehrfach in Großbritannien und besuchte auch London. Die vierte seiner Orgelsonaten (B-Dur, Opus 65 Nr. 4) begann im Allegro con brio mit einem Prélude-Teil à la Händel, verband danach liedhafte Passagen mit erneut hellen und dunklen Anteilen – vielen der Orgelsätze Mendelssohns lag eine Textidee oder sogar ein Choral zugrunde. An das hymnische Allegro maestoso e vivace schloß Holger Gehring daher noch einen weiteren Satz Mendelssohns an, das Andante tranquillo aus der dritten (A-Dur).

Zum Abschluß des Dresdner Orgelzyklus‘ gibt es am 2. Dezember quasi einen Gegenbesuch. Dann ist wieder einmal der Handglockenchor Bad Schandau in der Kreuzkirche zu Gast. Noch sind sie eine Seltenheit (einziger Handglockenchor in Sachsen), doch in den letzten Jahren gab es viele Neugründungen.

1. August 2026, Wolfram Quellmalz

Nächster Termin beim Internationalen Musiksommer Bad Schandau: »Klangluftspiele. Von Liebeslied bis Wirbelwind« mit dem Duo Turbellino (Katharina Böhm-Prokein / Flöten und Cornelius Altmann / Schlagwerke), 7. August, 19:30 Uhr

http://www.kirchgemeinde-bad-schandau.de/seite/278488/musiksommer-2026.html

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