Michał Markuszewski spielte bei den Internationalen Dresdner Orgelwochen
Die Internationalen Dresdner Orgelwochen laden über die Sommermonate viele Gäste aus Metropolen der ganzen Welt ein. Am Mittwoch spielte Michał Markuszewski aus Warschau in der Kreuzkirche, der Werke von Komponisten seines Landes mitbrachte und zu Hause selbst eine besondere Position innehat. Denn die Strukturen bzw. Ämter von Kirchenmusikern und Organisten in polnischen Kirchen unterscheiden sich derzeit noch von unseren. Den Begriff des »Kantors« verwenden zwar manche wegen seiner kulturhistorischen Bedeutung und Zuordenbarkeit von Amt und Verantwortung, offiziell gibt es die Bezeichnung jedoch nicht.
Auch in der Ausbildung existierte lange das staatlich gelenkte Profil an den Hochschulen, die nur Konzertorganisten ausbildeten. Michał Markuszewski, 1980 geboren, begann diesen Weg, ging aber später nach Berlin und Würzburg. Mittlerweile – mit einigem Versatz nach der politischen Wende – gibt es an der Warschauer Hochschule ebenfalls eine Kirchenmusikausbildung.
Und noch etwas ist bei Michał Markuszewski besonders: Mitten im fast ausschließlich katholischen Polen ist er Organist an der Evangelisch-Reformierten Kirche (Kościół ewangelicko-reformowany). Zwar gibt es insgesamt so wenige protestantische Gemeinden, daß man meint, die Mitglieder würden sich alle persönlich kennen, doch Michał Markuszewski sieht darin auch ganz orgel-praktische Vorteile: Während in der Katholischen Kirche teils acht bis neun Messen am Sonntag zelebriert würden, was kaum Platz für ein ausgedehntes Orgelspiel ließe, gibt es in seinen Gottesdiensten durchaus Gelegenheit dafür.
Fast ausschweifend waren die Beispiele polnischer, hierzulande völlig unbekannter Komponisten, die der Organist in sein Programm genommen hatte: Juliusz Łuciuks Preludia Maryjne (Marien-Präludien) sind in Polen durchaus populär. Sie entstanden 1982 für einen Wettbewerb, wo sie den ersten Preis errangen. Den Bezug zur historischen Gattung verrieten sie mit der schlichten Melodie eines Marienliedes, die zunächst in den Manualen umspielt wurde. Die blieb Klangsprache trotz historisierender Stilmittel modern. Mehrteilig (wie ein Prozessionsgang) strebten Preludia Maryjne einem Plateau zu.
Augustyn Hipolit Blochs Fantasia per organo schätzt Michał Markuszewski besonders wegen seiner Harmonik. Darüber hinaus zeigte sich darin die Experimentierfreude der damaligen Avantgarde wie in Clusterakkorden.

Die beiden recht großen Stücke standen etwa in Programmitte. Michał Markuszewski erwies sich sowohl im Ablauf wie in der Gestaltung als auf Strukturen bedacht. So ergänzten sich eine eigene Improvisation eines Festlichen Präludiums pro organo pleno im Barockstil zu Beginn mit dem am Ende gespielten Marche héroïque von Herbert Brewers, der sich an Edward Elgars Pomp and Circumstance orientiert hatte. Als »innere Klammer« (zweites und vorletztes Stück) standen sich Johann Sebastian Bachs Toccata, Adagio und Fuge C-Dur (BWV 564) und César Francks Prelude, Fugue et Variation (Opus 18) gegenüber. Gerade hier, in Werken, die dem Publikum bestens bekannt sind, zeigte sich eine persönliche gestalterische Qualität, die rhythmische Elemente betonte statt nur einem Fluß zu folgen. Nicht virtuose Geläufigkeit, sondern oft die größere Ruhe eines gemäßigten Tempos waren wesentlich, wobei gestalterische Betonungspunkte nicht fehlten.
Insgesamt hatte Michał Markuszewski eine Reihe populärer Stücke bzw. Melodien ausgewählt, die er seinen beiden Landsleuten gegenüberstellte. Dazu zählten Félix Alexandre Guilmants Marsch Opus 15 über Georg Friedrich Händels »Lift up your heads« (aus dem Oratorium »Messiah«) sowie das Paul Fauchet gewidmete und sehr schwebend vorgetragene Lied aus den Vingt-quatre pièces en style libre (24 Stücke im freien Stil) von Louis Vierne.
Das für die Ferienzeit überraschend zahlreiche Publikum hatte sich davon offenbar anstecken lassen und wartete die Zugabe (von Organisten typischerweise als Ausgang zum Verlassen der Kirche spendiert), eine Phantasie über »Guten Abend, gute Nacht«, ab.
30. Juli 2026, Wolfram Quellmalz
Michał Markuszewski widmet sich neben einer weltweit umfangreichen Konzerttätigkeit in seiner Heimat sowohl der Erhaltung historischer Orgeln als auch dem Neubau in Kirchen und Konzertsälen. Mehr über ihn und die historisch wertvolle Orgel der Reformierten Kirche Warschau auf seiner Internetpräsenz (auch auf deutsch).