In Federica Manzon »Alma« kommen sich Familienmitglieder unterschiedlicher politischer Historie zaghaft nahe
Federica Manzons Roman »Alma« wird von der Kritik teils als der große neue Triest-Roman gefeiert. Das stimmt insofern, daß die multikulturelle und -nationale Stadt den Hintergrund bindet. Hier der einst mondäne Badeort der österreichischen Monarchie, dort das Tor zum Osten und dem Vielvölkergebiet des angrenzenden Balkan. Doch seine dezentrale Lage und der Eiserne Vorhang haben Triest, einst mit Autoren wie Italo Svevo ein glühend lebendiger Mittelpunkt, aus dem Blickfeld verschwinden lassen. Der Journalist Joachim Hoelzgen schrieb schon vor Jahren über »das schöne Sterben von Triest«. Eine der bislang letzten, wehmütig erinnernden Schilderungen erfuhr die Stadt an der Adria 1988 im Roman »Das Geheimnis«, der unter dem Pseudonym Anonymo Triestino erschien. Heute schreibt man das Buch dem Journalisten, Essayisten und Romancier Giorgio Voghera zu.
Federica Manzons Triest tritt nur zwischen den Zeilen hervor. Manchmal in seiner überkommenen Schönheit, manchmal in einer verwahrlosten Realität. Doch meist bleibt es unbestimmbar »die Stadt auf dem Karst« wie andere Spielplätze des Romans, das »drüben« hinter der Grenze oder »die Hauptstadt«.
So wie Triest hat auch die Heldin Alma verschiedene Herkünfte. Da ist die Familie ihrer Mutter, aus der habsburgischen Monarchie stammend, die in einer repräsentativen Wohnung am ersten Platz der Platanenallee lebt. Hier werden deutsche Klassiker und Schopenhauer gelesen und diskutiert, ausgewählte Menüs geschätzt, Jugendstil und Marmor prägen das Bild. Doch teilen sie nicht alle Vorlieben: Während der Großvater Antigone und Odysseus favorisiert, bevorzugt die Großmutter Puschkin und Georges d’Anthès. Und sie brüskiert gern die Gesellschaft eingeladener Gäste oder beschließt ihre Abende in der Bar eines Bordells.
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Derweil ist der Himmel aufgeklärt, licht wie an baltischen Küsten. Ihr ist, als hätte sie ihr ganzes Leben unter solchen Himmeln verbracht, auf der Suche nach etwas, das sich ihr entzieht. In einem Winter in ihrer Stadt im Osten, es muss wohl Ende Februar gewesen sein, wanderte sie durch den Wald des Barons Revoltella, und der Bora-Wind ließ die Bäume zusammenfahren, und sie drückte die Hand eines Mannes, die sich in ihre Manteltasche gestohlen hatte und zitterte.
Ihre Tochter, Almas Mutter, scheint in manchem nicht nur unpraktisch, sondern geradezu lebensunfähig. Der Haushalt? Eine Katastrophe! Rosen dagegen pflegt sie wie keine zweite. Ihre Unzuverlässigkeit ist für die junge Alma eine Belastung. Erst spät wird sie erfahren, worin ihre Mutter wirklich gut ist, was andere an ihr schätzen.
Der Vater scheint aus einer entgegengesetzten Welt zu kommen. Von neuen Ideen begeistert, ist er ein Verführer dieser Ideen, hat Jorge Luis Borges und Hannah Arendt gelesen. Ständig ist er »drüben«, wechselt mit seinem roten Paß die Seiten, arbeitet für General Tito, auch noch lange später, als die Idee Jugoslawien zerbrochen ist. Was er wirklich tut, bleibt unklar, so unfaßbar wie er selbst – der phantastische, blonde Vater mit seinen blauen Augen ist ständig abwesend. Almas Fragen nach seinem Leben und seiner Herkunft weicht er immer wieder aus. Aber egal wo sie sich treffen – er weiß immer, wo es gute Zwetschgenknödel und eine Flasche Pelinkovac gibt – soviel Kaiserreich steckt auch in ihm.
Dann verkündete er den Aufbruch am nächsten Tag, führte die Mutter zum Abendessen in eine Osmiza in Samatorza oder zu den Fischern von Duino aus. Er besaß die Fähigkeit, jeden Augenblick großartig zu machen, eine Gabe der Unsteten, der Egoisten oder jener Menschen, die stets im Aufbruch zu etwas Unwiderstehlichem sind, das die anderen, die Familienangehörigen zumal, nicht verstehen. Am nächsten Morgen machten sie beide sich wie Flüchtige bei Tagesanbruch auf den Weg.
Die Elternhäuser der Mutter und des Vaters stehen sich geradezu diametral gegenüber. Was bedeutet Vergangenheit? »Hör auf, an Vergangenheit zu denken«, fordert der Vater, »Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Gegenwart«, sagt »Nonno«, der Großvater mütterlicherseits – das paßt nie zusammen. »Ihre Eltern hatten sie mit ihrer neurotischen Halsstarrigkeit vor der Erinnerung beschützt, und das hatte sie unbeschwert groß werden lassen, ohne Blei an den Fesseln. Doch jetzt tauchten diese Bruchstücke Geschichte auf, Splitter eines Ganzen, dessen Form nur erahnbar war, und sie wogen schwer und zugleich großartig: Am liebsten wäre sie stehen geblieben, um sie wie einen Bernstein zu betrachten« sinniert Alma rückblickend.
»Und an wessen Seite stehen wir?«, fragte sie.
»Wir beide stehen an niemandes Seite«, erklärte er. »Denn sobald Menschen an die Macht gelangen, kungeln sie alles untereinander aus, sodass einem nichts anderes übrigbleibt, als sich auf niemandes Seite zu stellen, sich nichts befehlen zu lassen, seinen eigenen Kopf zu haben.«
»Aber Amerika und Russland sind keine Menschen!«
»Das macht keinen Unterschied.«
Sie hat gelernt, ein normales Leben zu führen, einen Beruf auszuüben, lebt in der Hauptstadt. Ein schönes Leben scheint es zu sein, aber nur so schön wie eine Blume in einer Vase, der die Wurzeln fehlen. Oder ein echter Partner. Da erreicht Alma die Nachricht, daß der Vater verstorben ist und ihr ein Erbe hinterlassen hat. Alma reist zurück nach Triest und auf die Insel, wo ihr Leben »begann«, zu den Jahren, als sie zehn war und zu Hause plötzlich ein gleichaltriger Junge auftauchte, Vili, der Sohn von Freunden des Vaters. Die folgenden gut zehn Jahre, als Alma und Vili erwachsen wurden, ein neuer Krieg begann, sind ein zentraler Erinnerungsteil. Erst mit dem Tod des Vaters schaut Alma zurück und beginnt, die Lücke zum Jetzt zu schließen.
