Mehr Trost, als man braucht

Bachfest Leipzig mit außergewöhnlichen Formaten und Angeboten

Berücksichtigt man den Zeitraum des Bachfestes Leipzig (BFL) vom 11. bis zum 21. Juni und vergleicht es mit anderen Musikfesten, würde man in zwölf Tagen vielleicht 36 Konzerte, Vorträge und weiteres erwarten. Doch das BFL überbietet dies um ein Vielfaches – 212 (!) Veranstaltungen waren es in diesem Jahr, Orgelfahrten, Gottesdienste und Vorträge inbegriffen. Das Gros fiel auf Konzerte, die mittags, nachmittags und abends nicht nur spät, sondern auch nachts stattfanden. Hinter diesem Stundenplan steckte mehr als eine spontane Idee, denn die Formate wurden über die Jahre entwickelt und ziehen ein weltweites Publikum an.

Da sind andere Veranstalter wohl neidisch: der Kantatenzyklus, in diesem Jahr mit den »Top 50« aus der Feder Johann Sebastian Bachs, an sechs Tagen in zwölf Konzerten mit dem Amsterdam Baroque Orchestra & Choir (Leitung: Ton Koopman), Vox Luminis (Lionel Meunier), dem Collegium Vocale Gent (Philippe Herreweghe), der Gaechinger Cantorey (Hans-Christoph Rademann), The Constellation Choir & Orchestra (Sir John Eliot Gardiner) sowie dem Chor und Orchester der J. S. Bach-Stiftung St. Gallen (Rudolf Lutz) präsentiert, war trotz Preisen von bis zu 600 Euro im Paket bestens gebucht. Am Montag wurde Rudolf Lutz und seinem Ensemble im Rahmen eines Mittagskonzerts im Paulinum die diesjährige Bach-Medaille der Stadt Leipzig verliehen, womit vor allem gewürdigt wurde, daß die J. S. Bach-Stiftung St. Gallen seit 25 Jahren Maßstäbe in der Vermittlung und Aufführung der Vokalmusik Johann Sebastian Bachs setzt.

La Tempête beim Bachfest in der Leipziger Nikolaikirche. Das Trost-Programm wurde noch mit elektrischen Kerzen und einem Lichtkonzept verstärkt, Photo: BFL, © Gert Mothes

Zyklische oder vertiefte Betrachtungen gab es aber auch in anderen Konzerten. Am Freitag war das französische La Tempête in der Nikolaikirche zu Gast und ging dem Thema des musikalischen Tostest nach. Simon-Pierre Bestion hatte neben seinem formidablen Chor mit einer schier überwältigenden Stimmkraft quasi zwei Instrumentalensembles dabei, denn er brauchte Dulzian, Viola da Gamba und Barockharfe für Michael Praetorius und Heinrich Schütz, während Johannes Brahms am Ende einer romantische Begleitung bedurfte.

Martin Luthers Lied »Mit Fried und Freud fahr ich dahin« diente hier wie da als Basis, und der mit Vokalisen einziehende Chor, der mit Praetorius‘ Version des Textes anschloß, vereinnahmte sein Publikum unmittelbar. Noch tiefer gelang dies mit Heinrich Schütz‘ »Nacket bin ich vom Mutterleibe kommen« (SWV 279), das zu Herzen gehend, die Seele berührend, den ausführlichsten Moment in diesem Konzert beschrieb, in dem sich Trauer und Trost wirklich trafen und eine Balance hielten.

Kleine Sternstunden gab es auch mit Dieterich Buxtehude, von dem Simon-Pierre Bestion das Geistliche Konzert »Herr, wenn ich nur dich hab« (BuxWV 38) sowie das Klag-Lied (BuxWV 76 / 2) ins Programm genommen hatte. Allerdings fiel auf, daß die Besetzung der Solisten aus dem Chor nicht nur ausgesprochen individuell, sondern nicht ausgewogen war. Wobei dies innerhalb eines Titels nicht auffiel, jedoch im Vergleich der Abfolge, die länger und länger wurde.

Darin enthalten war Johann Sebastian Bachs »Klagt, Kinder, klagt es aller Welt« (BWV 1143). Dabei ist die Musik zum dokumentierten Werk verschollen, das gebotene Stück war eine »Rekonstruktion« – oder eher Vermutung? Seinem Fürsten hatte Bach die bekannte und erhaltene weltliche Kantate »Durchlauchtester Leopold« (BWV 173a) zum Geburtstag zugedacht. Die hier präsentieret »Fassung«, im wesentlichen auf Teilen einer früheren Version der Matthäus-Passion basierend, wirkte ein wenig wagemutig, verwirrend und fragwürdig. Allerdings: Kenner wissen, daß es La Tempête gern etwas spektakulärer mag.

So großartig und durchdringend der Chor war, so entwickelte er mitunter eine zu große Kontrasthöhe und Durchschlagskraft. Sicher war auch das fast zwei Stunden andauernde Trostformat viel – jeder Gottestdienst, jede Liturgie achtet doch auf einen Verlauf, eine Folge von Vermittlung, Moralschluß, Kontemplation, wie es sich in vielen Werken Bachs wiederfindet. Die Dauertröstung bei enormer Lautstärke des Chores wirkte allmählich beanspruchend. Das spürte man, sicher wegen des Verlaufs, am deutlichsten bei den Auszügen aus Johannes Brahms‘ Deutschem Requiem, nachdem Simon-Pierre Bestion mit Felix Mendelssohns A-cappella-Motette »Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren« allerdings noch für einen chorischen Höhepunkt gesorgt hatte.

20. Juni 2026, Wolfram Quellmalz

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