Barocker Spiegel

Olga Minkina an den Silbermann-Orgeln des Freiberger Doms

Am Donnerstag besuchten wir wieder die Abendmusik des Freiberger Doms. Zu Gast war diesmal Olga Minkina (St. Stephanskirche Tangermünde), die einmal vom gewohnten Ablauf abwich und nicht an der kleinen, sondern der großen Silbermann-Orgel begann. Dort spielte sie auch das Finale bzw. hatte sie ihr Programm mit einer Klammer umgeben: Johann Sebastian Bachs Praeludium und Fuge Es-Dur (BWV 552). Wer vor Beginn am Dom vorbeikam oder im Schatten wartete, konnte bereits hören, daß die Organistin gerade das Praeludium noch einmal aufpolierte. Zu recht – schließlich verlangt es eine virtuose Hand- und Fußfertigkeit! Zumindest am Anfang spürte man noch die Herausforderung, denn die Artikulation war noch nicht so klar, der Klang etwas massiv, zudem mit einer leichten Neigung zum Überschlagen.

Mit dem zweiten Werk steuerte Olga Minkina sozusagen eine Gegenrichtung an, denn Carl Philipp Emanuel Bachs Orgelsonate g-Moll (Wq 70 / 6) ist ein Werk der Verfeinerung und hätte vielleicht auch gut auf die kleine Silbermann-Orgel »gepaßt«. Doch die große beherrschte die sprudelnden Läufe des Allegro moderato genauso, das Adagio bezauberte mit einem Flötenduett, das zum Flötenchor wuchs und in einen goldenen Schlußakkord mündete. Hell strahlte im Schlußsatz der Silberglanz der Orgel, den Olga Minkina aber ohne Übertreibung im gemessenen Tempo beließ.

Die beiden Bildnisse zeigen Vater und Sohn Bach ungefähr im gleichen Alter. Links: Johann Ernst Rentsch der Ältere »Der junge Johann Sebastian Bach« (Authentizität wird teilweise angezweifelt, Ölfarbe auf Leinwand, 60 x 44 cm, etwa 1715), Angermuseum, Erfurt, rechts: Portrait Carl Philipp Emanuel Bachs nach Franz Conrad Löhr (Circa 1750), Bildquellen: Wikimedia commons

Vielleicht sollte die kleine Orgel einen ganz besonderen Zauber entfalten, indem die Größenverhältnisse extra betont wurden? Wolfgang Amadé Mozarts Andante für die Flötenuhr F-Dur (KV 616), ursprünglich für einen damals modernen und hoch komplexen Musikautomaten geschrieben, haben sich schon viele Musiker zu eigen gemacht – warum solch entzückende Kleinode einer Maschine überlassen? Neben Bläserquintetten ist die Orgel nicht nur das geeignetste, sondern auch originalste Instrument für eine Interpretation. Die Schönheit der Melodie und die feine Zier des Orgelklangs bzw. die geschmackvollen Register fanden hier zu einer wunderbaren Synthese und nicht zuletzt zu einer angemessenen Fortsetzung nach Carl Philipp Emanuel Bachs Sonate.

Olga Minkina wußte dies aber durchaus noch zu steigern und hatte für die Fortsetzung Georg Böhms Partita »Herr Jesu Christ, Dich zu uns wend« ausgewählt, das sogar ein wenig in die Zeit vor Bach (oder des jungen Bach) führte und sein Thema (nun wieder auf der großen Orgel) fröhlich erschallen ließ. In den Variationen floß es erst ruhig (Nr. 1), dann beschwingt (Nr. 2) weiter. Kurz erklang es noch einmal gedämpft, bevor eine fugierte Variation den Schlußpunkt setzte.

Mit einem eigenem Werk, »Da pacem, Domine«, sorgte die Organistin für einen Kontrast. Fallende Akkorde über einem teils minimalistischem Fundament mit repetierendem Baß hoben den Choral hervor, führten über Steigerungen in einen Toccata-Teil, der noch einmal mit Clusterelementen erhöht und in der Ausdruckskraft verstärkt wurde.

Längst waren Orgel, Raum und Organistin aufeinander eingestimmt – die Fuge zu BWV 552 strömte sauber durch den Raum. Schade nur, daß auch in Freiberg die »Kultur« des frühestmöglichen Klatschens Einzug gehalten hat, statt einen Ausklang zu gewähren!

20. Juni 2026, Wolfram Quellmalz

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