Dresdner Musikfestspiele mit einem Beweis für die Kraft der echten Liebe

Sächsische Prinzessin verzaubert das Publikum

Amalie von Sachsen war von Seiten ihrer Mutter (Caroline von Parma) mit der italienischen Sprache und Lebensart vertraut. Ob das der Grund war, daß sie italienischen Texten und italienischer Musik so nahestand? Denn die Prinzessin beließ es nicht bei einer erblich bedingten Beigabe oder Begabung, sondern verfolgte dramaturgische und musikalische Ziele, wofür die Kompositionsschülerin Carl Maria von Webers im Tagebuch ihres Lehrers mit einem kurzen, aber ehrlichen Lob bedacht wurde. Ihre zahlreichen Werke, Dramen und Lustspiele wurden im Rahmen höfisch-familiärer Anlässe gespielt, aber nicht vor einem öffentlichen Publikum. Insofern feierte »La fedeltà alla prova« (Die Treueprüfung), ein Dramma giocoso, am Donnerstag im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele (DMF) im Palais im Großen Garten vielleicht nicht die Uraufführung, aber eine erste öffentliche Darbietung.

Gefunden bzw. ausgegraben hatte das Werk Petra Andrejewski, die im Ensemble der Dresdner Kapellsolisten nicht nur eine Oboe spielt, sondern für eine spielbare Notenausgabe von »La fedeltà alla prova« gesorgt hatte. Nebenbei ist ein Büchlein über Amalie von Sachsen entstanden, das interessierten Lesern empfohlen sei. Auch wenn Amalie dort als Komponistin im Verborgenen bezeichnet wird, war sie dennoch »hauptberuflich« Prinzessin, also eine Dilettantin im positiven Sinn. Das Werk konnte den Eindruck in der konzertanten Aufführung nur vertiefen und die Anerkennung erhöhen.

Bernhard Berchtold, die kurzfristig eingesprungene Franziska Zwink, Antigone Papoulkas sowie Dirigent Helmut Branny, links im Bild: Jobst Schneiderat am Hammerflügel, Photo: Dresdner Musikfestspiele, Oliver Killig

Das lag zuerst sicher an der vorzüglichen Vorbereitung, in die Jobst Schneiderat als erfahrener Solorepetitor eingebunden war. Am Donnerstag begleitete er die Aufführung am Hammerflügel, während Helmut Branny seine Kapellsolisten und die Sänger leitete.

Im Werk geht es um eine Treueprüfung, also ein Lieblingsthema der Opern- und Oratorienszene, wie es nicht nur Mozart verarbeitet hat – auch Claudio Monteverdi und Georg Friedrich Händel haben solche »Tugendwettkämpfe« vertont. In diesem Fall wurde der schottische Prinz Eggardo in eine Statue verwandelt und von seiner Gemahlin Geltrude betrauert. Das ruft Oberon und Titania auf den Plan, die um Geltrudes Treue (bzw. Verführbarkeit) wetten. Den göttlichen Figuren stehen Geltrudes Vater Oswaldo und dessen Diener Egberto gegenüber. Der Vater möchte »nur das Beste« für seine Tochter – freilich fragt er sie nicht, was sie will, sondern denkt strategisch und möchte, daß Geltrude Oberons Werben nachgibt. Egberto ist persönlich eher wenig davon betroffen, nur daß er mit den anderen auf der Insel festsitzt und er von seiner Frau getrennt ist. Allerdings reizt ihn Titania, weshalb er Frau und Heimat unter Umständen »aufgeben« würde …

Ob Haupt- oder Nebenberuf – daß Amalie von Sachsen als Komponistin ernstgenommen werden darf, wissen wir nach Webers Urteil und der damaligen Aufführung (immerhin mit Beteiligung von Mitgliedern der Hofoper und unter Webers Dirigat) spätestens seit 2022 aus eigener Erfahrung (Aufführung der Opern »Elvira« im Rahmen der DMF). »La fedeltà alla prova« erfüllte diese Erwartungen in jeder Hinsicht – nur Nörgler sezieren eine mangelnde Variabilität der Takte oder fehlende apotheotische Chorfugen. Auch daß man in der Musik der kurz nach Mozarts Tod geborenen Amalie viel Rossini hört (der ihr Zeitgenosse war) sei dahingestellt. Viel wichtiger und bemerkenswerter ist doch die komplexe Durchdachtheit des Dramas, denn Amalie zeichnete für Libretto und Komposition gleichermaßen verantwortlich. Das war damals durchaus noch nicht üblich – Carl Maria von Weber hat manches Mal in Sachen Libretto / Librettist unglücklich entschieden!

Benjamin Sattlecker als Egberto mit Komik und Andreas Scheibner als Geltrudes Vater Oswaldo, Photo: Dresdner Musikfestspiele, Oliver Killig

Absolut überzeugend ist die freie Form von »La fedeltà alla prova«, die sich nicht an schematische Raster wie eine gesetzmäßige Folge von Rezitativ und Arie hielt, sondern Accompagnato und Arioso ineinander übergehen ließ. Zudem sind – wie bei »Elvira« – die Charaktere individuell entwickelt und die Szenen durch einen Verlauf geprägt, worin auch die Ensemble flexibel agieren – großartig, das zu erleben!

Dabei hatte Sopranistin Franziska Zwink die Rolle Titanias erst kurzfristig übernommen, als Stephanie Atanasov krankheitsbedingt ausgefallen war. Ihr blieben gerade drei Tage zum Einstudieren! Andreas Scheibner konnte sich ohne Unterbrechung oder Wechsel auf Oswaldo konzentrieren, was ihm souverän gelang. Die mahnenden Worte hatten von Beginn eine durchdringende Wirkung. Allerdings muß der Vater eine Phase der Fassungslosigkeit durchstehen, denn letztlich läßt sich die Tochter nicht drängen. Bernhard Berchtolds Oberon lag die göttliche Selbstgefälligkeit von Beginn, die Verführungskraft mußte er erst entwickeln – letztlich siegte dennoch Geltrudes Tugend.

Während Franziska Zwink ihren begeisternden Sopran strahlen ließ, zeigte Benjamin Sattlecker, wie wichtig auch bei einer konzertanten Aufführung das Spiel ist – als Egberto die Welt und die Frauen nicht verstand, entwickelte er eine umwerfende Komik! Den letztlich aus seiner steinernen Verzauberung erlösten Eggardo ließ Richard Glöckler in den Schlußnummer wirkungsvoll auferstehen, aber auch der Chor (Elisabeth Schütze und Priya Tsivlina / Sopran, Cora Hums / Mezzosopran, Kota Katsuyama / Tenor sowie Ference Sipos / Baß), den Amalie ebenso nicht gleichförmig, sondern variabel einsetzte, rundeten die sängerisch überzeugende Leistung ab.

Die Dresdner Kapellsolisten unter der Leitung von Helmut Branny sorgten für eine ausgefeilte und in jedem Solo punktgenaue Darbietung, die in feinen Details (weder Travers- noch normale Querflöten, sondern Holzflöten) Konturen entwickelten. Hörner und Fagotte trugen immer wieder zur dramaturgisch Betonung bei. Amalie von Sachsen hat allein über ein Dutzend Opern mit eigenen Libretti geschrieben – gibt es da noch mehr zu entdecken?

13. Juni 2026, Wolfram Quellmalz

Buchtip: Petra Andrejewski »Amalie von Sachsen. Komponistin im Verborgenen«, edition serena
http://www.edition-serena.de

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