Endspurt bei den Dresdner Musikfestspielen

Cellomania endet mit einem Dreiergipfel

In den letzten Tagen der Dresdner Musikfestspiel (DMF) schienen die Programme noch einmal zuzulegen. Im Palais im Großen Garten gab es eine ganze Reihe von Höhepunkten, die am Sonnabend mit einem Konzert abschlossen, das gleichzeitig das interne Kernfestival Cellomania beendete.

Noch aus den Zeiten der Dresdner Hofkapelle hat die Sächsische Staatskapelle eine Tradition übernommen, die es sonst nirgends gibt: die Stimmführer sind nicht nur Stimmführer oder Solisten, in jeder Gruppe gibt es ausgewiesene Konzertmeister, also Musiker, die das Orchester im Rang eines Primus inter pares anführen könnten, wie es einst Johann Georg Pisendel getan hat. Aktuell gehören drei Konzertmeister bei den Violoncelli dazu: Sebastian Fritsch, Norbert Anger und Friedrich Thiele.

Von oben links nach unten rechts: Norbert Anger (Photo: © PR), Sebastian Fritsch (Photo: © René Gaens), Andreas Hecker (Photo: © Anna S.) und Friedrich Thiele (Photo: Markenfotografie), Collage: Dresdner Musikfestspiele

Friedrich Dotzauer hatte in Dresden eine Stelle als Solocellist inne, komponierte allerdings auch für sich und sein Instrument. Seine Etüden sind unter Schülern wie Studenten gefürchtet, allerdings hat der Komponist weit mehr hinterlassen als diese. Der Internationale Wettbewerb für junge Cellisten des Sächsischen Landesgymnasiums für Musik erinnert regelmäßig an Dotzauer, am Sonnabend gab es aber noch mehr zu entdecken. Denn die drei aktuellen Konzertmeister Violoncello der Sächsischen Staatskapelle präsentierten sechs unbekannte Werke des einstigen Virtuosen. Das wurde nicht zuletzt möglich, weil sich der Cellist und Cellolehrer Michele Galvagno von den Stücken begeistern ließ und sie vermitteln wollte. Auf seine Initiative wurden die Manuskripte erstmalig und in Kooperation mit den DMF ediert – die Werke des Abends waren zuvor nie öffentlich erklungen, nur in Konzerten des Komponisten selbst.

Geschrieben hatte er unter anderem nach und über das, was er hörte oder – im Orchester – selbst spielte, also Opern. Sebastian Fritsch eröffnete den Reigen mit einer Caprice nach Donizettis »Elisir d’amore« (aus »Les Fleurs d’Italie« Opus 164 Nr. 3), die Andreas Hecker, der den Abend am Klavier begleitete, dunkel dräuend erweckte. Während draußen ein Sturm durch den Park fegte, ließ Sebastian Fritsch sein Cello wie eine Diva mit betörendem Legato singen. Oder war es doch tenoral? Wenn die drei Cellisten die neuen drei Tenöre wären, stünde Sebastian Fritsch dann für Pavarotti?

Norbert Anger klang in der Caprice nach Webers »Oberon« Opus 96 deutlich graziler, mehr nach Sologesang oder Sonate. Doch nur anfangs, denn Friedrich Dotzauer Stücke entwickeln sich mit der Dauer jeweils erheblich. Nach Donizettis veristischer Emotionalität erreichte der entlehnte Weber eine romantische Tiefe.

Mit dem dritten Werk präsentieret das Programm die dritte »Lesart Dotzauer«, denn das Duo für zwei Violoncelli mit Klavierbegleitung Opus 165 erreicht gerade im Klavierpart (Vorspiel und Zwischenspiele) geradezu balladeske Züge! Friedrich Thiele, der den »Ring« jetzt auch bestiegen hatte, fand mit Norbert Anger in ein Duett, das liedhaft oder in hellen Lagen schweben konnte. Für die dramatischen Akzente sorgte vor allem Andreas Hecker am Klavier.

Worin ihn aber Sebastian Fritsch sogleich ablöste, denn mit einer weiteren Caprice, diesmal über Bellinis »Norma« (aus »Trois Grand Divertissements« Opus 173 Nr. 3), fügte er der vorigen Diva das Lamento und Bedauern einer unglücklichen Liebe an. Nicht ein Effekt, sondern der Gesang auf dem Instrument trug das Stück, wobei sich eine erstaunliche Italiantà offenbarte.

Womit das Ausdrucksspektrum von Friedrich Dotzauer keineswegs erschöpft war, wie die Schweizer Melodie für Violoncello und Klavier Opus 127 zeigte. Friedrich Thiele betonte darin keineswegs ein romantisches Thema allein, sondern entwickelte eine packende Vehemenz und Virtuosität.

Aber Friedrich Dotzauer hatte sogar – als hätte er gewußt, daß sein Orchester dereinst drei Konzertmeister Violoncelli haben würde  – Sechs Stücke für drei Violoncelli Opus 104 geschrieben. Vielleicht war hier am meisten zu spüren, daß der Komponist kein Schumann oder Brahms gewesen ist, trotzdem klangen darin ganz unterschiedliche Welten an. Friedrich Thiele, Sebastian Fritsch und Norbert Anger führten noch einmal vor, wie herrlich ein tragfähiges Piano (Nr. 1) zu dritt ist oder daß Dotzauer nach Dvořák klingen kann (4). Am effektvollsten beeindruckte das virtuose, fugiert begonnene zweite Stück.

Die Zugabe spendierte ein Instrumenten und Lehrerkollege: David Popper, dessen Urne In Dresden-Tolkewitz beigesetzt ist, hatte neben noch mehr Etüden ein Requiem für sechs (!) Celli bzw. drei Celli und Klavier verfaßt.

14. Juni 2026, Wolfram Quellmalz

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