Neuinszenierung von Georges Bizets Oper an der Semperoper
Am Freitag feierte die Semperoper die nächste große Premiere mit gleich noch einem Genreschwerpunkt: Georges Bizets »Carmen« gehört zu den meistgespielten und meistinterpretierten Stücken überhaupt. Dazu kommt in diesem Fall, daß die Vorgängerinszenierung von Axel Köhler (2013) eine beliebte und gelobte war. »Eine Carmen für das 21. Jahrhundert«, schrieb damals ein Kritiker. Kein Grund natürlich, sie nicht anzutasten, aber der Ersatz muß etwas zu bieten haben. Regisseurin Nadja Loschky hatte angekündigt, die Hauptfigur und warum Carmen derart von der Gesellschaft abgelehnt wird, hinterfragen zu wollen. Es war gleichzeitig ihr Hausdebüt sowie das ihres Stabs (Bühnenbild: Etienne Pluss, Kostüme: Irina Spreckelmeyer) und von Dirigent Lorenzo Passerini.

Die Frage nach Carmen erhellte den Hintergrund nur mittelbar, und wenn Attilio Glaser als Don José nicht eine fulminante Entwicklung genommen hätte, wäre es ein unscheinbar dunkler Abend geworden, denn Bühnenbild und Kostüme sind düster gehalten. Das Farbkonzept mit überwiegend Schwarz, wenig Rot und sparsamen Weißtönen ist wirkt fast leblos. Die Frauen der Zigarettenfabrik, in Prosper Mérimées Literaturvorlage wie im Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy eher ein buntes, luftiges, wenn nicht freizügiges Völkchen, trat in tristem Trauerschwarz auf. Das sorgte mit den massiven Bühnenbauten, den dunklen Soldatenuniformen und dem oft massiven Klang der Sächsischen Staatskapelle für eine wenig entsprechende Staffage. Schließlich ist »Carmen« keine Militärmusik – das luftige, exotische, erotische, spanische (was Bizet attestiert bekam) ging am Premierenabend unter.

Vielleicht lag es auch an den Unterbrechungen, die Nadja Loschky mit der erfundenen Figur des Alter Ego von Don José (Lasse Myhr) setzte. Der Schauspieler war trotz Mikrophon nicht immer gut verständlich, vor allem bremste der endlose Sermon der Figur den Fluß der Musik. Don José im Rückblick, der mit Carmen abrechnet, ihr Vorwürfe macht, sich selbst bemitleidet – irgendwann war es genug, die Jammerkommentare schwer zu ertragen, abgesehen davon zogen sie den Abend unnötig in die Länge. Zudem offenbarte sich, daß die Regisseurin im Rahmen ihrer »Hinterfragung« Don José Worte auf die Zunge legt, die der Autor Prosper Mérimée dezidiert nicht seinem Protagonisten vorgegeben, sondern dem Werk voranstellt hat: »Zweimal taugt eine Frau – für die mich Gott bewahre!: – Einmal im Hochzeitsbett und einmal auf der Bahre«. Ob dies provokativer Denkanstoß oder ernstgemeintes Urteil sein sollte, wäre in der Tat zu hinterfragen, sie ungefiltert auf den Helden zu übertragen, der dazu keinen Anlaß gibt, ist undifferenziert. So wie überhaupt der Umgang mit dem Stück zu keinem rechten Schluß führt. Das Wort »Zigeuner« aus dem Text zu tilgen, ist allenfalls eine Ersatzbefriedigung. Eine im Rückblick erzählende Figur, entspricht das einem Alter Ego?

So blieb selbst Carmen (Eve-Maud Hubeaux) in der Geste undeutlich. Mochte sie eine schöne Stimme haben und Präsenz entwickeln – zwischen kühler Neutralität im Maria-Callas-Look und einigen Temperamentaufwallungen fehlte eine klare Linie. Don José schien zunächst, mit unnatürlich rotem Haar nur bedingt »leuchtend«, im Konzept zu »klemmen«. Doch mehr und mehr spielte sich Attilio Glaser frei und gab der Persönlichkeit des degradierten Sergeanten, dann Räubers und schließlich Mörders Gesicht, Stimme und Geste, womit ihm am Freitag die größte Glaubhaftigkeit gelang. Darin hätte ihm Micaëla (Galina Cheplakova) nahekommen können, die als »guter Engel« und Gegenpol vielleicht Don Josés Rettung gewesen wäre. Ihr Kuß war wohl zu keusch, um den Bann der Leidenschaft (zu Carmen) zu brechen – trägt Micaëla also eine Mitschuld? Ihr Auftritt als Madonna im dritten Akt war allerdings eine peinliche Entgleisung und Mißdeutung! Hinterfragt? Galina Cheplakova gewann mit ihrer strahlenden Stimme zwar das Publikum für sich, der Rolle entsprach es wenig.
Eine präsente Stimme macht den Charakter nicht allein, das gilt auch für Escamillo (Krzysztof Bączyk), der anfangs, von seinen Bewunderern umlagern, auf einem Diwan (und vor dem Fernseher) fläzt. Ihm mangelte keineswegs Durchschlagskraft, aber am »zündenden Funken«. Oder wie soll er Carmen Don José ausgespannt haben? Das Alter Ego kommentiert derweil die »lächerlichen rosafarbenen Strümpfe« Escamillos. Allerdings galt rosa zur Zeit des Werkes noch als Heldenfarbe, die dezidiert weibliche Zuordnung ist erst gut einhundert Jahre alt …

Die Hinterfragung hat sich kaum erhellend ausgewirkt und offenbarte vorerst wenig mehr als eine Überzeichnung, die dunkel und leblos wirkt, denn die Chöre (Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Kinderchor der Semperoper Dresden) standen in den Massenszenen meist statisch auf der Bühne. Lorenzo Passerinis Dirigat fehlte über die »Pop-Hits« von »Carmen« hinaus die differenzierte Handschrift, die mehr als lautes und mächtiges Temperament zeigt, aber vielleicht konnte sich das auch noch nicht entwickeln.
So vermittelten ebenso die Szenen der Schmuggler, Räuber oder in der Schenke trotz guter Besetzung (Vladyslav Buialskyi als Zuniga, Anton Beliaev als Moralès, Jasmin Delfs als Frasquita, Nicole Chirka als Mercédès, Simeon Esper als Dancaïro) einen eher eingezwängten Eindruck. Natürlich birgt das Werk mit seinen Zuordnungen Klischeegefahren, nur darf man nicht übersehen, daß weder Mérimée noch Bizet oder seine Librettisten verallgemeinernde Gesellschaftsbilder zeichnen wollten, sondern stark individualisiert haben. Gerade darin liegt die Kraft von »Carmen«!

Am Freitag verpuffte diese recht schnell. Trotz Kreischens und Johlens, was ein Teil des Publikums aus dem Stadion mit in die Oper zu bringen scheint, war der Enthusiasmus schon nach dem zweiten Verbeugen verbrannt, der Applaus vorbei – da war der Vorhang noch offen und ein Großteil der Mitwirkenden auf der Bühne.
2. Mai 2026, Wolfram Quellmalz
Georges Bizet »Carmen«, Sächsische Staatsoper, weitere Vorstellungen im Mai und Juni sowie in der kommenden Spielzeit.
In der nächsten Premiere steht mit Nino Rotas »Florentinerhut« eine Komödie auf dem Programm der Semperoper.