Homöopathie und Orgelspiel

Vielgestaltige Künstlerin meldet sich zurück

Nach der Sanierung ist die große Jehmlich-Orgel in der Dresdner Kreuzkirche seit der Osternacht schon einige Male erklungen, unter anderem mit Frauenkirchenorganist Niklas Jahn im Konzert vor drei Wochen [NMB berichteten: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/04/20/osterhymnus-und-auferstehung/%5D. Doch erst am Mittwoch spielte Kreuzorganist Holger Gehring wieder im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘. Im Gespräch vorab stand ihm diesmal Ralf Jehmlich (Geschäftsführer der Orgelbauwerkstatt) zur Seite, der noch einmal erklärte, was in den etwa drei Monaten der Sanierung gemacht worden war [unser ausführlicher Bericht: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/03/03/vorubergehende-stille/%5D. Neben mitgebrachten einzelnen Orgelpfeifen, um den Unterschied zwischen Labium (»Lippen«, vergleichbar mit einer Blockflöte) und Zunge (schwingendes Blatt wie bei einem Holzblasinstrument) zu erklären, ging es nicht zuletzt um spielpraktische Einrichtungen wie den »Setzer« zum Speichern von Registerkombinationen und die neue MIDI-Schnittstelle, mit der man die Orgel zum Stimmen mit einer App verbinden kann oder mit einem Programm, das die spontan gespielten Noten einer Improvisation aufzeichnet.

Ralf Jehmlich und Holger Gehring im Gespräch, Photo: NMB

Holger Gehring fragte den Orgelbaumeister aber auch, ob denn etwas dran sei, wenn Orgelbauer auf bestimmte Materialen von Pfeifen, deren Gewinnung oder Legierungen schwören, oder ob solche »Wirksamkeit« eher dem Glauben an homöopathische Heilmitte gleiche. Ralf Jehmlich erläuterte durchaus konkrete Einflüsse: zwar sei zum Beispiel der Grundton derselbe, egal, ob eine Pfeife aus Fichten- oder Eichenholz bestehe, die Legierung mehr Zink oder Blei enthalte, der Gesamtaufbau des Tones aber, wie sich etwa die Obertöne zusammensetzen, unterscheide sich, und damit ebenso der Klang.

So erhellend das »Gespräch unter der Stehlampe« oft ist – ab 20:00 Uhr ist es genug des Theoretisierens! Ab hier erwies sich die Jehmlich-Orgel wieder einmal als vielseitige und wandelbare Königin der Instrumente. Denn Holger Gehring hatte höchst unterschiedliche Werke zusammengestellt, auch wenn es sich um ein an der Liturgie orientiertes Programm handelte. Und höre da – es steckt eben mehr dahinter als nur ein Klang. Oder nicht?

Johann Sebastian Bachs Fantasia super »Komm, Heiliger Geist, Herre Gott« (BWV 651) war nicht nur passend für die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten ausgewählt, es war auch sogleich ein guter Maßstab für die wiedererstarkte Orgel, denn das Stück gehört in den Kanon jener Werke, die man in Orgelkonzerten immer wieder erleben, also vergleichen kann. Es verband rhythmische Schwingung mit dem Thema (Melodie) im Baß und dem barocken Glanz, den Oberwerk und effektvolle Register verströmten. Mochte es mehr geglänzt haben als vor der Sanierung?

Größer war wohl der Unterschied zu Dieterich Buxtehudes Fassung des Themas in der Choralbearbeitung »Komm, Heiliger Geist, Herre Gott« (BuxWV 199), denn hier offenbarten sich klare Singstimmen im wiederkehrenden Cantus firmus. Ein inniger Gesang, der auf jeden Effekt verzichtete, reine Nahbarkeit war. Xaver Schult hatte das Werk in der vergangenen Woche (Orgelzyklus in der Hofkirche) ebenfalls ausgewählt. Gestern meinte man, in einer viel kleineren Kirche zu sitzen – eher norddeutsches Land als die große Dresdner Kreuzkirche.

Diesen Imaginationseffekt spielte Holger Gehring gleich noch einmal aus, denn mit »Veni creator spiritus« von Nicolas de Grigny erhob sich ein majestätischer (französischer) Kathedralklang! Auf die Solo- oder Singstimmen und eine rhythmisch bewegte Fuge folgte ein eindrucksvolles Finale, das als Grand Jeux einem Tanzsatz glich.

Hatten bisher die Register meist wie Sänger (bis in Bezüge zur Gregorianik) geklungen, schloß sich mit Alexandre Guilmant‘ Morceau de Concert ein zutiefst sinfonisches Stück an. Nicht Effekte, sondern Stimmungen traten in den Variationen hervor, spiegelten in Wiederholungen das Thema und stellten Klanganteile der Farbe und der Form (Geschlossenheit) in den Vordergrund.

Mit drei Auszügen aus Jean Langlais‘ »Huit Chants des Bretagne« kehrten die Stimmen wieder, die sich nun aber rhythmisch wie in einem Sprechen (Gebet / Rosenkranz) verbanden. Zum Abschluß spendierte Holger Gehring noch ein überraschend modernes Stück, das Te Deum Opus 11 von Jeanne Demessieux. Einer modernen Rhapsodie ähnelnd verband es ostinate Grundformen mit höchst aufgeschlossenen Elementen, die selbst Bezüge bis in unsere Tage zu enthalten schienen, aber auch einen freien, improvisatorischen Charakter hatten.

7. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

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