Landesbühnen Sachsen bringen Mozarts »Zauberflöte« kinderfreundlich auf die Bühne
Wolfgang Amadé Mozarts »Die Zauberflöte« gehört zu den meistgespielten Opern überhaupt und nimmt unter den Kompositionen des gebürtigen Salzburgers mit Abstand die Spitzenposition ein. Dabei geht es gar nicht vordergründig um die Liebe – gleichwohl bleibt sie einbezogen –, sondern um gesellschaftliche und persönliche Werte. Sprich: Charakter. »Standhaft, duldsam und verschwiegen« (in dieser Reihenfolge) sollen Prinz Tamino und der Vogelhändler Papageno zum Beispiel sein. Sie bilden keine Not-, aber eine Zweckgemeinschaft, nachdem sie zufällig aufeinandertrafen, von einer Schlange angegriffen und drei zauberhaften Damen gerettet wurden. Nun gilt es, Pamina, die Tochter der Königin der Nacht, zu retten. Kein Turm ist zu erklimmen, kein Drachen zu erlegen, sondern das entführte Mädchen zu finden und zurückzuholen. An der Aufgabe müssen Tamino und Papageno wachsen und – das wissen sie zunächst nicht – Zutritt zum Tempel der Weisheit erlangen.

Operndirektorin Kai Anne Schuhmacher kehrt in ihrer Inszenierung das Märchenhafte des Stoffes hervor. Bühne (Ralph Zeger) und Kostüme (Valerie Hirschmann) zeigen aber weniger Attribute von Orient und Okzident, die Mozart und sein Librettist Emanuel Schikaneder am Ende der Aufklärung im Werk gespiegelt haben, sondern präsentiert zunächst ein großes Puppentheater oder ein Spielwarenhaus, in dem Fledermäuse, Ritter und eine Ballerina herumschwirren, -schreiten oder -wirbeln, lebende Stehlampen erleuchten den Raum. Mit fahrbaren Schrankkulissen, deren Rückseite Sonnen- oder Lichtstrahlen tragen, ist das Konzept in sich stimmig und wird vom Publikum angenommen. Am Donnerstag waren zur zweiten Vorstellung nach der Premiere (25. April), trotz recht späten Beginns (20:00 Uhr) am Vorabend des Feiertages, viele Kinder mit ihren Eltern oder Großeltern gekommen.

Durchaus eine Herausforderung, denn mit gut drei Stunden ist »Die Zauberflöte« nicht eben kurz und stellt manche Ansprüche, mitzudenken. Darin allerdings verliert sich die Regie ein wenig und verwirrt. Denn Tamino scheint eher wie ein unerfahrener Tölpel als ein Prinz, der doch wenigstens Würde und Wagemut vorzuweisen hätte. Auch szenisch wird bei Kai Anne Schuhmacher manches geradezu konterkariert: zu Taminos Bildnis-Arie, bei der jeder Mozart-Freund zu schwelgen beginnt, wenn er im Radio Fritz Wunderlich oder Peter Schreier hört, stolpert der mit einem verschlossenen Korb über den Kopf orientierungslos gewordene Papageno gegen Wände, wodurch die romantische Szene des Verliebens lachhaft wird. Solche szenischen Stolperer gibt es mehrfach: Die Gesellschaft der Hüter des Tempels sind durchaus zu hinterfragen. Aber wenn Sarastro »Tamino« und »Tassilo«, »Radio« und »Ritual« sowie den Titel der Königin der Nacht immerzu verwechselt und von seiner Gefolgschaft vorgesagt bekommen muß, worum es geht, steht er entblößt als seniler, alter Hüter (und bedient ein Klischee) da. Die Figur kann man so auffassen, nur paßt im Anschluß daran die Arie »Oh Isis und Osiris« nicht mehr, mit der Sarastro ja eigentlich Weisheit vermitteln, also Gutes bezwecken will – er befiehlt nicht, er will, daß Tamino selbst erkennt. Als Sarastro Tamino die Gefährlichkeit seiner Aufgabe erklärt (auf Leben und Tod), also eine ernsthafte Szene, gibt es ein paar Lacher im Publikum, weil es nicht mehr glaubwürdig ist.

Das Hinterfragen ist jedoch grundsätzlich erlaubt, wie schon Sarastros Richterstuhl über den Büchern der Weisheit suggeriert – er sieht wie der Stuhl eines Tennisrichters aus. Auch die Absichten und Ansichten der Königin der Nacht sind eine Betrachtung wert. Doch am Ende fehlt der Inszenierung die »Richtung«, die Wertung und Moral. Welche Seite die »Gute« ist, wer »gewonnen« hat, wird nicht klar.
Das hindert aber nicht eine musikalisch einnehmende Darbietung und einige teils glänzende Einzelleistungen. Ekkehard Klemm lotst den Chor der Landesbühnen Sachsen (Priestergefolge) über die Bühne und erweckt mit dem Orchester der Elbland Philharmonie Sachsen im Graben kräftige Szenendarstellungen in den düsteren Nacht- wie den lichten Szenen des Tages oder der Erkenntnis. Erfreulich vor allem, weil Chor, Orchester und Solisten sowie die Extrastimmen (Flöte, Glocken) belebend eingebunden sind.

Diese Verbindung von Graben und Bühne ist für die Szene wesentlich, wo Papageno seine Flöte wirklich spielt und nicht aus dem Orchester »doubeln« läßt. Das klingt manchmal etwas schief, ist aber authentischer, was insgesamt für den Papageno von Johannes Wollrab gilt. Mag er ein einfacher, etwas einfältiger Kerl sein – während Papageno sonst oft in Inszenierungen als alberner Sonderling herumläuft, zeigt gerade Johannes Wollrab das heldische Potential der Figur und verleiht ihr glaubhafte, witzige und liebenswerte Qualitäten, stattet sie aber auch mit überraschender Konsequenz aus.
Abgesehen von der fraglichen Figurenanlage verleiht Do-Heon Kim Sarastro eine sonore Würde, während Tamino (Jongwoo Hong) trotz Wachsens in stimmlicher und szenischer Hinsicht hinter Papageno zurückbleibt. Friederike Meinke sorgt als Königin der Nacht für regelrechte Glanzpunkte, weil ihre Stimme den Saal wie das Licht die Dunkelheit durchdringt (ihr »ach helft!« strahlt mit am hellsten) und sie mit den wenigen Auftritten Schwerpunkte setzt. Franziska Abram als Pamina verbindet dramatische mit lyrischen Eigenschaften.

Trotzdem bleibt das Spiel nicht auf wenige Einzelpersonen fokussiert. Immer wieder rücken Nebenrollen in den Mittelpunkt oder verbindet sich im Ensemble, weil darin so erfahrene Sänger wie Michael König (Erster Priester) und Andreas Petzoldt (Monostatos) mitwirken. In diesem Sinne dürfen auch das erfrischende Trio der Damen (Anna Erxleben, Marie-Audrey Schatz und Stephanie Atanasov) nicht vergessen werden – man gönnte ihnen glatt mehr Entscheidungsgewalt als nur die Übermittlerinnen zu sein! Ebenso wie die drei Knaben (Xiang Li, Zonqui Sun und Marlene Mieth), die als herzige Goldengel ausgestattet sind.
28. April 2026, Wolfram Quellmalz
Wolfgang Amadé Mozart »Die Zauberflöte«, Landesbühnen Sachsen, wieder am 10. Mai (Theater Meißen) und 24. Mai (Stammhaus Radebeul) sowie in der nächsten Spielzeit