Flötentöne und andere Schönheiten

Collegium Marianum feierte im zweiten Jahreskonzert »Les nations«

Prag gehört neben Leipzig, Berlin, Hamburg oder München längst zu den oft von uns besuchten Musikorten. Wir sind sogar öfter dort als in mancher der eben genannten Städte. Das liegt vor allem daran, daß in Prag eine so vitale Alte-Musik-Szene existiert. Bevor wir im Sommer wieder (mehrfach?) dorthin zurückkehren und die Konzerte des Letní slavnosti staré hudby (Sommerfestival der Alten Musik) besuchen, haben wir eine Einladung des veranstaltenden Collegium Marianum ins Břevnovský klášter (Benediktiner Erzabtei in Břevnov) angenommen, um zu erleben, wie sich Jana Semerádová und ihre Musikerkollegen mit französischen und italienischen Musikern und Musikstücken auseinandersetzen.

Prächtige Musik in prächtiger Umgebung: Theresiensaal der Benediktiner Erzabtei in Břevnov, Photo: NMB

Das Konzert am Montagabend hatte wieder einmal viel Entdeckerpotential, denn manche Komponisten waren weniger bekannt, und auch die Stücke boten zahlreiche Überraschungen. Das begann mit den Musikern, denn diesmal traten sie weniger als Orchester auf, sondern als Ensemble. Lenka Torgersen (Konzertmeisterin der Collegium Marianum), Hana Fleková (Viola da Gambe und Barockcello), Jan Krejča (Laute und Barockgitarre) sowie Filip Hrubý (Cembalo) sorgten neben der Flöte der Ensembleleiterin für einen individuellen Eindruck. Nicht nur dann, wenn einzelne von ihnen als Solisten hervortraten, sondern ebenso, wenn sie a tutti im Verbund klangen, wobei sich Schwerpunkte verschieben konnten. Das erwies sich als ebenso belebend wie die Konturen, die durch kantable Soli oder perkussive Läufe hervorgehoben wurden.

Selbst ein »Barokní podvecery« (Barockabend) darf ein wenig ausschweifen, und so war mit Louis Gabriel Guillemains Sonata Nr. 1 G-Dur ein Werk an den Beginn gesetzt, das eindeutig bereits dem Galanten Stil zuzuordnen war. Dabei blieb es zunächst, denn auch das »Menuett de M. Geminiani« von Michel Blavet war in der Empfindsamkeit zu Hause, die sich nicht nur in der großartigen Eleganz der beiden Solistinnen (Flöte und Violine) vordergründig spiegelte, sondern gleichermaßen vom Basso continuo getragen wurde. Der von Blavet angesprochene bzw. dedizierte Francesco Geminiani erklang unmittelbar danach mit seiner Stilübung »Rules for playing in a true taste« (Opus 8), die sich wiederum auf Henry Purcell bezog. Darin erwiesen sich kantable Passagen als gleichermaßen genau dargestellt wie flotte tänzerische Rhythmen – das Programm war »zurück« im Barock.

Collegium Marianmà cinq: flexibel, elengant, spritzig – je nach Bedarf! Ganz rechts: Schauspieler Justin Svoboda (Lesung), Photo: NMB

Ausgesprochene Singstimmen (nicht nur der Flöte) waren in Michele Mascittis Sonata g-Moll zu hören, dazu munter perlende Läufe – Vogelgezwitscher und Springbrunnen als barocke Attribute. Das sollte sich in der zweiten Konzerthälfte sogar noch steigern, zuvor gab es mit Jean-Joseph de Mondonville aber noch einen Sprung tief ins 18. Jahrhundert, das – trotz Barockinstrumenten – romantische Züge bewies. Vor allem die Aria in de Mondonvilles Sonata e-Moll trug bereits einen deutlich pastoralen (damals hoch modischen) Charakter!

Zwischen manchen der Titel gab es eine Lesung, welche die Eigentümlichkeiten zwischen den »Les [grande] nations« humorvoll in Szene setzte. Das zumindest war den Publikumsreaktionen zu entnehmen, denn für dieses Mal mußten wir uns (ohne Tschechisch-Kenntnisse) »herausnehmen«. Macht insofern nichts, da wir Laurence Sterne ein wenig kennen. Wem »ein wenig« zu wenig ist, der schlage nach: »A Sentimental Journey through France and Italy« ist längst auf deutsch erschienen.

Links: Laurence Sterne, Gemälde von Joshua Reynolds (Ölfarbe auf Leinwand, 127,3 x 100,3 cm, 1760), National Portrait Gallery, London, rechts: Louis Émile Benassit, Aquarellzeichnung für die französische Ausgabe der »Voyage sentimental«, Graphic Arts Collection, Princeton University Library, Bildquellen: Wikimedia commons

Den Abschluß krönten Sätze aus François Couperins Suite »La piémontoise«, wiederum mit wechselnder Besetzung. Couperin wurde erst ungewöhnlich spät das Privileg eines Titels bei Hofe (Königlicher Cembalist) zuteil, was wohl nicht wenig an den »Gegebenheiten« (oder Ränken unter Kollegen) gelegen haben mag. Seine Musik ist bis heute ergötzlich und köstlich, vor allem, wenn sie so delikat geboten wird wie am Montag im Břevnovský klášter. Denn trotz aller perlenden Akkorde, die auf dem Cembalo hervorzubringen Couperin gewohnt gewesen sein mag, wußte er auch nobel und mit anderen Instrumenten zu beeindrucken, wie der majestätischen Allemande. Und sein Rondeau erweckte den größten Effekt eines fröhlichen Vogelgesangs.

12. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

Die Konzertreihe der Barockabende geht am 23. Juni mit »Il divino sassone« (Johann Adolf Hasse) und der von uns bereits mehrfach erlebten Sopranistin Pavla Radostová weiter. Gleich sieben Höhepunkte bietet gleich danach das Sommerprogramm.

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