Grigory Sokolov Klavierrezital
Das war kein Klavierabend, das war ein Ereignis. Wenn die Dresdner Philharmonie und die DK Deutsche Klassik den Giganten unter den Pianisten zu ihrer Reihe der Klavierabende einladen – könnte man das noch steigern? Wohl kaum. Insofern kamen am Freitag alle in den Kulturpalast: Klavierfetischisten, Klangpuristen, jede Menge Neugierige, die beim Probieren »oben« anfangen wollten – selten hat man in Konzerten das Gefühl, daß so viele Interessengruppen oder Fangemeinden vereint zu treffen. Und selten entdeckt man so viele professionelle Musiker im Publikum.
Das läßt sich mit einer bestimmten »Schule« ebensowenig erklären wie mit einem einzelnen Begriff, etwa »Anschlagskultur«, mag er noch so treffend sein. Natürlich stellt sich bei Grigoriy Sokolov schon vor dem eigentlichen Ereignis eine Erwartungshaltung ein: Klavierkunst in Reinform, Befriedigung höchster Ansprüche in audiophiler und gestalterischer Hinsicht, Konzentration pur – trotz der bemerkbaren Unruhe im gemischten Publikum, hartnäckigen Hustenattacken und ein paar doch nicht ausgeschalteten Handys erwuchs eine Ruhe, die fast greifbar schien.
Das Programm schien so knapp wie nüchtern – nur drei Werke, die Wiener Klassik und Romantik umspannen. Nicht nur Kenner wußten freilich vorab, daß bei Grigory Sokolov sechs Zugaben eigentlich gesetzt sind, auch das gehört zur Aura und öffnet einen Kosmos. Während der Meisterpianist sein Hauptprogramm oft monatelang, wenn nicht für eine ganze Saison beibehält, wählt er Zugaben spontan und flexibel.

Zunächst band er an Ludwig van Beethovens Sonate Opus 7 in Es-Dur die Sechs Bagatellen Opus 126 nahtlos an. Das macht Grigory Sokolov immer so, und es paßt vor allem dann stimmig, wenn sich Gattungsgeschwister in gleichen oder korrespondierenden Tonarten treffen. Die Kombination Sonate – Bagatelle mag Puristen ungleichgewichtig scheinen – sei’s drum!
Schon bei Beethoven war alles Klang. Da brauchte der Pianist keinen »Tanz« aufzuführen, Manierismen einzuflechten oder Betonungen herbeizuzaubern – die stupende Technik erlaubte es Grigory Sokolov, den Steinway schimmern, perlen, tremolieren zu lassen. Zwischen scharfen Akzenten, lichtvollen Arpeggien und geschmeidigen Umschwüngen nutzte er jede Nuance, wies ihr eine Wertigkeit zu. Jeder Ton, schien es, wog schon allein. Herbert Blomstedt hat einmal in einer Einführung die unterschiedliche Wirkung eines Tones am Beispiel C erklärt – jetzt konnte man diese Differenzierung hören, spüren, fühlen; denn Anschlag, Phrase und ein dosiertes Pedal formten einen atemberaubend allgegenwärtigen Klang. Grigory Sokolov ließ ihn stets in den Kontext des Stückes eingebunden – am meditativen Moment einer Schwingung hat er offenbar kein Interesse. Er zielt auf Verläufe, Höhepunkt, gestaltete Anstiege, aber auch Entspannung.
Der Rhythmus prägte Beethoven, mal offenkundig treibend, mal die Basis des Basses grundierend. So hatte jede Note auch einen Puls und offenbarte Beethovens Ausdrucksspektrum, seine Gemütslagen, denn der Komponist konnte nicht nur aufbrausend sein, sondern ebenso schwermütig, zärtlich, humorvoll.
Das ließ sich noch steigern. Manchen hatte der Programmtitel »Anfang und Abschied« aufgeschreckt – sollte der Pianist bereits auf seiner Abschiedstournee sein? Es war nur Franz Schuberts letzte Klaviersonate, in B-Dur, D 960, wohl seine legendärste. Wie Grigory Sokolov im ersten Satz den Schwerpunkt zwischen Motiv und Baß verschob, in den Wiederholungen sogar umkehrte, aber wieder zurückkam, war monumental. Der zweite Satz, das Andante, wurde für knapp zehn Minuten zum Zentrum der Welt. Atem und Klang – der Höhepunkt eines Abends, der selbst ein Jahreshöhepunkt war, vielleicht der Jahreshöhepunkt überhaupt. Jugendlich federnd, aber kein Jota ungestüm, perlte das Scherzo – Schubert hatte mindestens soviel Humor wie Beethoven.
Grigory Sokolovs Intensität übertrug sich auf das Publikum, das hingerissen war nach einer dramatischen Schlußsteigerung, aber einen respektvollen, kurzen Abstand der Ruhe gewährt. Und so ließ sich der Meister auch diesmal sechsmal bitten, für ein paar seiner Lieblinge (Chopin: Mazurkas Opus 50, Nr. 3 und Opus 30, Nr. 3, dazwischen Brahms‘ Rhapsodie Opus 79, Nr. 2 und Ballade Opus 10, Nr. 3). Frédéric Chopins aufwühlendes Prélude c-Moll (Opus 28, Nr. 20) konnte unmöglich der Schluß sein, also klang Alexander Skrjabins Prélude Opus 11, Nr. 4 delikat nach.
9. Mai 2026, Wolfram Quellmalz