»Musik der Extreme« erweist sich als inspirierende Begegnung
Dabei zielte das Thema mit dem Begriff »Maschine« doch scheinbar auf ältere Technikbezüge. Aber waren die so anders? Der Journalist Walther Kiaulehn stellte schon 1935 in seinem Buch »Die eisernen Engel. Geburt, Geschichte und Macht der Maschinen von der Antike bis zur Goethezeit« fest, daß die Menschen (damals?) zwischen »Maschinenfurcht« und »Maschinenvergötterung« lebten. Tatsächlich hat sich das Thema, teils unterschwellig, mehr oder weniger versteckt, schon früh in die Musik eingeschlichen. Man denke nur an Beethovens achte Sinfonie und deren (oder des hineininterpretierten) Maschinencharakters im Scherzo.

Insofern war es am Dienstag bereits interessant, die drei modernen Stücke hinsichtlich ihrer »Maschinenaspekte« zu vergleichen. Allein wie sie abschlossen – ohne regelrechte Coda, sondern mit einem Moment des Ausschaltens oder Steckerziehens, war interessant – und keineswegs banal. Für derlei gedankliche Abschweifungen oder das Auffinden von Nebensächlichkeiten (?) sind solche Experimentierräume wie »Musik der Extreme« schließlich ebenso da. Selbstverständlich konnte man sich im Anschluß mit den Beteiligten austauschen.
Das Ensemble Continuum XXI begann mit der Alten Musik, die auch später als Bezugspunkt erhalten blieb. Georg Friedrich Händels Triosonate B-Dur (HWV 388) gehört zu den bekanntesten Kammermusikwerken des Komponisten. Moisés Maroto (Blockflöten), Arnold Heuer (Barockgeige), Marina Cabello (Viola da Gamba) und Richard Röbel (Cembalo) spielten die historischen Werke ohne Dirigenten, Alberto Arroyo übernahm nur bei der Neuen Musik die Leitung. Hier wie da, also schon bei ach so bekannten Händel, erwies sich das Ensemble als kundiger und neugieriger Interpret, der Effekte nicht billig »abfeuerte«, sondern dynamisch und flexibel einsetzte. Das sollte sich später bei György Ligeti, dessen Musica ricercata von 1953 in Ausschnitten den Abschluß des Abends bildete, noch um so erfrischender erweisen.
Cembalist Richard Röbel hat sich in seinem Stück »Nano-Phone« für Barockensemble damit befaßt, daß viele Faktoren bei der Musikerzeugung »maschinell« gesehen werden können, von metrischen Rhythmen bis zu Zahlenreihen als Kompositionsbasis. Dabei suchte er bewußt Grenzbereiche und Phasenübergänge, also Zustände der Unbestimmbarkeit. Sein Stück enthält Akkorde und Melodiebögen sowie – passend zur aktuellen Carl-Maria-von-Weber-Ausstellung der SLUB – eine Fughetta mit Weberbezug als Fragment oder Impulsgeber. Die Flöten mit Überblastönen, das Cembalo, an dem die Saiten teils direkt gezupft werden, aber auch die Verfremdungen der Streicher – von der Barocken Melodie bis zum Aufschrei – überlagerten sich teilweise. »Maschinelles« wurde darin durchaus hörbar, etwa im Rhythmus eines Uhrpendels oder in den künstlich scheinenden Repetitionen kurzer Sequenzen. Diese »Phasenanteile« blieben aber verbunden, nicht zuletzt mit Humor, bis am plötzlichen Schluß jemand den »Aus«-Knopf zu drücken schien.
»Les barricades mystérieuses« von François Couperin und zwei der Pièces de clavessin (darunter »Le tambourin«, für Barockensemble eingerichtet) von Jean-Philippe Rameau waren eine barocke Erfrischung vor Albero Arroyos »furia mechanica« (mechanische Wut, 2025). Dort fielen die Repetitionen noch prägender aus, die Sequenzen mutierten allerdings auch deutlich. Klar konturierte Klänge waren ebenso einbezogen wir unscharfes Wischen. War der stechende Ton der Sopranino-Flöte in Warnruf? Die rhythmischen (mechanischen) Wellen brachen schließlich weg, noch abrupter als bei Richard Röbel – Stecker gezogen statt Schalter umgelegt?

Ann-Marie Najderek hatte im Gespräch vor der Uraufführung ihres Stückes »In Reparatur« bereits angekündigt, daß sie von der Bildenden Kunst komme und bei ihr das Auge gegenüber dem Ohr dominiere, sie also eigentlich keine Komponistin sei. »In Reparatur« war im wesentlichen ein Video mit Klängen und Musik, das Ausschnitte aus einer Musikinstrumentenwerkstat zeigte. Neben dem Musikinstrumentenbauer Raul Kränzler, der im Hintergrund Reparaturgeräusche beisteuerte, sorgte Continuum XXI für ein paar musikalische Akzente. Im wesentlichen war das Stück mehr eine Videoperformenace – manchem vielleicht zu wenig ernsthaft und zu wenig Musik, wofür es am Schluß ein »Buh!« gab. Aber auch diese Auseinandersetzung ist ein statthafter Teil der Reihe und der Suche und Einordnung der Neuen Musik.
Mit Ligetis genialen Schelmenstücken Musica ricercata ging ein anregender Abend, zumindest der offizielle Teil, zu Ende.
13. Mai 2026, Wolfram Quellmalz
Das nächste Konzert mit Neuer Musik gibt es gleich am kommenden Dienstag in der SLUB. Dann ist das Neue Klaviertrio Dresden zu Gast (»Tripel – neue Werke für Klaviertrio«).