Dritte Blüte

Dresdner Schloßkapelle ist zurück im Musikleben

HISTORISCHE EINORDNUNG (Ausschnitt)

Die erste Blüte erlebte die Dresdner Schloßkapelle in den Jahren zwischen 1553 und 1737. Zahlreiche Musiker wirkten hier, unter ihnen Hans Leo Haßler, Rogier Michael, Matthias Weckmann und natürlich – für über fünfzig Jahre! – Heinrich Schütz, weshalb der Raum häufig als Schütz-Kapelle* bezeichnet wird. Doch nach der Konversion des Sächsischen Hofes und der Errichtung der Sophienkirche für die protestantischen Angehörigen des Hofes war der Raum nicht mehr für sakrale Zwecke benötigt worden. Das Dresdner Residenzschloß – immer wieder erweitert und umgebaut – erfuhr auch hier eine Veränderung: dort, in der Kapelle wurden Wände und Decken eingezogen, Gemächer entstanden.

Im Rahmen des Wiederaufbaus des Dresdner Residenzschlosses entschied man sich, statt der vor dem Krieg existierenden Gemächer die Schloßkapelle zu rekonstruieren. In verschiedenen Bauabschnitten wurde erst die Kubatur des Raumes (in Beton) hergestellt, später das Schlingrippengewölbe als wohl spektakulärster Beitrag nachgebildet. In dieser Zeit erlebte der Raum eine zweite Blüte, es schien, als kehre Heinrich Schütz zurück. Schon damals gehörte der Dresdner Hofmusik e. V. zu den aktivsten Teilnehmern, die den Raum (neben dem Schauspiel) neu erschlossen, in eigener Sache natürlich für die Musik. In Konzerten und mit dem Heinrich Schütz Musikfest war die Dresdner Hofmusik immer wieder zu Gast und schaffte es im 350 Todesjahr Heinrich Schütz‘ 2022 sogar, mit dem Barock.Musik.Fest die Kapelle vorübergehend zu bespielen –eigentlich wurde der zu den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) gehörende Raum in der Zeit als Restaurationswerkstatt genutzt. Hier entstanden zum Beispiel die Fresken für den großen Schloßinnenhof.

Der historischer Kupferstich (1676) von David Conradund ist die einzige Vorlage für die Rekonstruktion der Dresdner Schloßkapelle und zeigt Heinrich Schütz mit seinen Musikern, Bildquelle: Wikimedia commons

Davor hatten in der zweiten Phase bereits andere Gäste wie der Dresdner Kammerchor die Schloßkapelle erobert, die beiden Dresdner Orchester (Sächsische Staatskapelle und Philharmonie) sogar eigene Kammermusikreihen etabliert. Mit der zwar vorübergehenden, aber auf mehrere Jahre ausgedehnten Schließung fand dies zunächst ein Ende. Nach der Nutzung als Werkstatt wurde aber auch die Kapelle selbst weiterentwickelt. Innenverkleidungen und vor allem eine nachempfundene Empore, wie sie im historischen Stich zu sehen ist (ursprünglich Wolf Caspar von Klengel), wurden eingebaut.

WIEDEREINWEIHUNG

Nach dem offiziellen Festakt der Wiedereröffnung der Schloßkapelle unter Mitwirkung von Musikern der Sächsischen Staatskapelle (die somit an einen Ursprungsort zurückkehrten) im November fand am Sonntag das erste öffentliche Konzert statt, mit dem die musikalische Wiederbelebung hoffentlich dauerhaft eingeleitet wurde. Wieder war der Veranstalter der Dresdner Hofmusik e. V., der das Konzert in Kooperation mit den SKD durchführte. Die Musik kam – von Heinrich Schütz.

Beteiligt waren das Ensemble Ælbgut (Isabel Schicketanz / Sopran, Stefan Kunath / Altus, Christopher Renz / Tenor und Martin Schicketanz / Baß) sowie das Dresden Consort (Margret Baumgartl / Violine, Stefan Maass / Laute und Sebastian Knebel / Orgel). Sebastian Knebel verwies in seiner Begrüßung auf ein paar Unterschiede zwischen ursprünglicher und rekonstruierter Schloßkapelle. Dieser fehlen heute sakrale Einbauten wie Altar und Kanzel, auch die Klengel-Empore unterscheidet sich ein wenig vom historischen Vorbild (keine tragenden Säulen). Neben den fehlenden (nicht ausreichend dokumentierten) Ausmalungen gibt es auch die Fritzsche-Orgel nicht mehr, dafür ist der Raum ein wenig »größer«, weil hinter der (nicht mehr vorhandenen) Chorschranke keine Sakristei folgt, sondern freier Raum bleibt. Und schließlich habe es wohl ursprünglich auch kein Gestühl in der Kapelle gegeben.

Konzert in der Dresdner Schloßkapelle mit dem Ensemble Ælbgut (links auf der Empore) und dem Dresden Consort (rechts), Photo: Dresdner Hofmusik e. V.

DAS KONZERT

Mit dem ersten Ton war alles Theoretisieren um Ursprung, Ursprünglichkeit, Rekonstruktion und Originaltreue dahin – hier galt nur eines: die Musik! Und die erfuhr mit Heinrich Schütz‘ Johannes-Passion (SWV 481) eine eindringliche Darstellung. Zu Schütz‘ Zeiten war das konzertierende Musizieren in der Passionszeit am Sächsischen Hof verboten, und so verließ sich der Sagittarius auf die Ausdruckskraft der Stimmen allein, die in erzählenden Rollen die Passionsgeschichte darstellen. Das gelang Ælbgut und vor allem dem Gast-Tenor Christopher Renz, auf dessen Schultern mit der Rolle des Evangelisten die Hauptlast lag, ausgesprochen stark! In seiner eindringlichen Wirkung entwickelte sich eine große Spannung.

Konzert in der Dresdner Hofmusik e. V., Photo: Dresdner Hofmusik e. V.

Da das Werk a cappella vorgetragen wird, hatte sich Ælbgut entschieden, einen instrumentalen Rahmen zu schaffen und an einzelnen Stellen der Passion Auszüge aus den Cantiores sacrae (mit Instrumentalbegleitung) von Heinrich Schütz einzufügen. Damit waren einerseits Kontemplationspunkte gesetzt, andererseits begegneten sich Werke aus unterschiedlichen Phasen in Heinrich Schütz‘ Leben: Während die Johannes-Passion zu seinem Alterswerk gehört (1665 / 66 entstanden), war die Sammlung Cantiores sacrae bereits 1625 fertiggestellt. Im Hinblick auf die Veranstaltung als Konzert (statt Andacht) waren diese Einfügungen nachvollziehbar. Trotzdem hätten sich manche die Passion (wegen der höheren Spannung) ununterbrochen gewünscht, wie eine Dame im Publikum, welche SWV 481 selbst im Chor gesungen hatte.

Die sängerische (und instrumentale) Leistung war jedoch ohne Tadel. Vor allem fiel auf: die akustische Qualität des Raumes ist überzeugend. Obwohl die Musiker mit dem Sängerquartett (das sämtliche Chorpassagen einstimmig ausfüllte) links und den Instrumentalisten rechts aufgestellt waren, ergab sich kein unausgewogenes oder seitlich verschobenes Klangbild. Im Gegenteil konnte man die gesungenen Worte als zentral und Raumfüllend empfinden.

Die beiden Embleme des Notendrucks der Rosenkranz-Sonaten »Christus am Ölberg« und XVI: »Schutzengel« (circa 1678), Bildquellen: Wikimedia commons

Für Anfang und Ende hatte das Dresden Consort zwei der Rosenkranz-Sonaten von Heinrich Ignaz Franz von Biber ausgewählt (Nr. VI: »Christus am Ölberg« und XVI: »Schutzengel«). Vor allem die letztere (und letzte der Rosenkranz-Sonaten), eine Passacaglia für Violine solo beeindruckte mit ihrer Mehrstimmigkeit, bei der man doch zwei Violinen zu hören meinte! Es war aber nur eine, die in Trauer beginnend und mit dynamischen Schattierungen den Schutzengel kunstvoll schraffierte – lange vor Bach. Biber hat ihm (dem Schutzengel, bzw. ihr, der Sonate) – lange vor Wagner – einen Erlösungsschluß geschenkt.

9. März 2026, Wolfram Quellmalz

* Die NMB haben früher auch oft von »Schütz-Kapelle« gesprochen bzw. geschrieben, weil es den Ort mit dem seinerzeit wichtigsten Hofmusiker verbindet und im Bewußtsein verankert. Doch ginge das ungerechterweise über die vielen Mitstreiter, über Vorgänger und Nachfolger hinweg. Es soll also bei »Schloß-Kapelle« bleiben.

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