Sächsische Staatskapelle feiert in der Kammermatinée Jubilare nach
Die Ansage an das Publikum zu den Kammerabenden der Sächsischen Staatskapelle entstand einst aus der Notwendigkeit, unerwünschten Zwischenapplaus nicht zum Ärgernis werden zu lassen. Glücklicherweise haben die Musiker es von Beginn an verstanden, das »Nötikum« mit einer charmanten Begrüßung zu verbinden. Zur Matinée am Sonntag in der Semperoper legten sie in Sachen Vermittlung sogar noch nach, denn Michael Goldammer, Robert Lis und Astrid von Brück hatten sich explizit persönliche Werke ausgewählt und den Programmhefttext geschrieben.
Das erste war sogleich eine Ausgrabung: Luigi Gattis Divertimento in C für Violine, Englischhorn, zwei Hörner, Cembalo und Basso continuo. Michael Goldammer, Solo-Englischhornist des Orchesters, hatte eine Handschrift in der Biblioteca musicale Giuseppe Greggiati (Ostiglia / Italien) entdeckt, wo das Werk des Salzburger Hofkapellmeisters (nicht mit Daniele Gatti, dem Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle, verwandt) schlummerte. Wer weiß – vielleicht war es sogar eine Uraufführung!

Das Divertimento entfachte sogleich den Eindruck einer Serenade, also eigentlich einer Abendmusik (der die Besetzung ja entsprach) und entfachte einen reizvollen Dialog zwischen Englischhorn und Violine (Robert Lis), die zunächst das Thema vom Holzbläser übernahm. Im Lebhaften Dialog sorgten beide für einen melodiösen Ausgleich, während die Hörner vor allem mit teils kräftigen Stößen den Hintergrund reich gestalteten. Auch das Cembalo (Nikolaus Branny) hob sich immer wieder perlend aus dem Basso continuo heraus. Nach dem kantablen Abendgesang des zweiten Satzes sorgte ein vergnügliches Rondeau für einen schönen Ausklang – Unterhaltung im besten Sinne!
Fast wäre es ein rein italienischer Vormittag in der Semperoper geworden, aber nicht die Nationalität, sondern Jubiläum banden das Programm, selbst wenn sie bereits im letzten Jahr lagen – darin begann ja die aktuelle Spielzeit. Maurice Ravel hatte vor fast auf den Tag genau einem Jahr seinen 150. Geburtstag, der 100. von Luciano Berio sowie der 50. Todestag von Luigi Dallapiccola wurden in der zweiten Programmhälfte bedacht.
Auch wenn Maurice Ravels einziges Streichquartett formal etwas vollkommen anderes ist als das wohl einhundert Jahre früher entstandene Divertimento Gattis, selbst wenn statt solistischer Stimmen und strukturaler Finessen nun Klangfarben und Atmosphäre überwogen, gab es doch einen gemeinsamen Nenner: die Abendstimmung. Denn eine solche Atmosphäre war im Allegro ausgesprochen fein dargestellt. Nachdem dort das Violoncello (Teresa Beldi) pizzicato für Auflockerung gesorgt hatte, taten es ihm Robert Lis und Michael Schmid (Violinen) sowie Michael Horwath (Viola) im Assez vif nach. Auf den luftigen zweiten Satz folgte – abendgemäß – ein Très lent (sehr langsam), das einen Traum eingefangen zu haben schien. Kurz war der Träumer etwas aufgewühlter, fand aber zur Ruhe zurück. Derart erfrischt, ließ das Quartett Ravels Farbenreichtum im Schlußsatz noch einmal funkeln.
Die Modernität nach der Pause hätte kaum weniger träumerisch, zauberisch und fabelhaft (wie ein Sommerabend) ausfallen können. Sopranistin Valda Wilson las zunächst den deutschen Text des Gedichts, das Luigi Dallapiccola seiner kleinen Nachtmusik »Piccola musica notturna« für Flöte, Oboe, Klarinette, Harfe, Celesta, Violine, Viola und Violoncello vorangestellt hat. Die dort benannte Sommernacht, der Mond und die Turmuhr wurden atmosphärisch und in den Motiven sicht- bzw. hörbar. Pittoreske kleine Episoden unterschiedlicher Lebhaftigkeit und Anteile der Instrumente machten aus dem Musikstück eine Entdeckerfreude – wie bei Gatti zu Beginn kann man sich mehr davon oder eine Wiederbegegnung in einem Kammerabend einst nur wünschen!
Dasselbe gilt für Luciano Berios »Folksongs«, für die Alexander Bülow, der eben noch die Zauberklänge der Celesta ausgelöst hatte, ans Dirigentenpult wechselte. Berio gehört zu jenen Komponisten, die ein Idiom genau behört und verstanden haben, um daraus etwas Neues zu formen. So finden in seinen »Folksongs« neben den acht Sprachen vielfältige Charaktere Ausdruck. Marcello Enna betrat von rechts die Bühne als »Fiedler« und verlieh seinem Intrument ebensolche Individualität, wie sie Valda Wilson gleich zehnmal fand, darunter das hymnische »I wonder as I wonder«, das auch Benjamin Britten vertont hat. Mond und Nachtigall blieben als Attribute des Abends erhalten, der Tanz paßte ebenso hinein – ein vielstimmig süßer, betörender Serenadenvormittag!
8. März 2026, Wolfram Quellmalz