»Mörder sind im Haus«

Dresdner Philharmonie und Sir Donald Runnicles bringen Richard Strauss‘ »Elektra« konzertant

Es ist eine der aufwendigen und für die Akteure anstrengenden Opern: »Elektra« von Richard Strauss. Mit knapp zwei Stunden fällt sie verhältnismäßig kurz aus (ein Akt, keine Pause), aber diese rund 110 Minuten konzentrieren sich vor allem auf eines: Rache.

DAS STÜCK

Klytämnestra und ihr Geliebter Aegisth haben Klytämnestras Ehemann Agamemnon umgebracht – seine Tochter Elektra sinnt seitdem auf Rache und hat den Bruder Orest in Sicherheit gebracht.

Sir Donald Runnicles, Aušrinė Stundytė (Elektra), Dresdner Philharmonie, Photo: Dresdner Philharmonie, © Oliver Killig

Jahre vergehen, im Haus schwelen die Konflikte. Während sich alle, einschließlich Elektras Schwester Chrysothemis, mit den Umständen arrangieren zu scheinen, zumindest zur Ruhe finden, lodert Elektras Rachezorn ungezügelt – selbst Chrysothemis versteht sie nicht. Schließlich kehrt Orest, nachdem zunächst eine falsche Nachricht seinen Tod verkündet hatte, unerkannt zurück und vollzieht die Rache. Elektra triumphiert, stirbt aber, ihres Lebensinhaltes beraubt.

DIE INSZENIERUNG

Die Dresdner Philharmonie hatte sich das Stück für die jährliche konzertante Opernaufführung ausgewählt und damit Mut bewiesen – hatten früher noch beliebte Klassiker auf dem Plan gestanden, kam es bereits in der Amtszeit von Marek Janowski zur Kursänderung. Das Ring-Projekt (2022) bedeutete für das Orchester einen ungeheuren Schub, auch »Tristan« im vergangenen Jahr gehörte – trotz der mehrfachen Dirigentenwechsel – in diese Reihe. Nun also Richard Strauss – für viele folgt sein Œuvre unmittelbar auf Wagner.

Albert Pesendorfer (Orest), Andrew Harris (Diener) und Thomas Blondelle (Aegisth), Photo: Dresdner Philharmonie, © Oliver Killig

Für die beiden Aufführungen hat Silke Sense ein Konzept mit szenischen Elementen entwickelt, welches das Saallicht mit einbezog und die Auftrittsorte der vielen Solisten variierte. Kleiner Nachteil: der im Parkett wohl intensive Eindruck war im ersten Rang bereits schwächer. Seitlich im zweiten noch mehr, zudem verdecken dort die Lautsprecher Teile der Übertitel.

DIE AUFFÜHRUNG

Doch Übertitel sind – trotz der klaren Artikulation von Sängern und Orchester – oft hilfreich. Sir Donald Runnicles spielte seine große Opernkompetenz aus und setzte das Orchester als einen der wesentlichen, emotionalen Akteure in Szene. Da gab es am Donnerstagabend eben nicht allein ein Klang, sondern eine musikalische Dramaturgie. Sie reichte vom geschmeidigen Piano bis in gellende Schreie der Blechbläser (und Elektras), umschloß aber ebenso, und waren es nur Augenblicke, den Charme des Rosenkavalier-Komponisten. Nur daß hier keine launige Komödie gespielt wurde – selbst im musikalisch harmonischen Aufatmen ließ Donald Runnicles subtil die Gefahr lauern.

Aušrinė Stundytė (Elektra) und Albert Pesendorfer (Orest), Photo: Dresdner Philharmonie, © Oliver Killig

Rache, nichts als Rache will Elektra. Aušrinė Stundytė gebärdete sich trotzdem nicht als Marathonfrau, sondern entwickelte eine Leidenschaft, welche die Mutter trügen und schmeicheln konnte, für Momente ihre innige Liebe zeigte, als der totgeglaubte Bruder plötzlich vor Elektra stand. Klytämnestra (Karita Mattila) bewahrte ihre Königinnenpose als Herrscherin, die ein ganzes Land führt, der ein Palast folgt – nur ihre Tochter für sie ist ungreifbar. Aber auch für Chrysothemis. Elisabeth Teige fand für Elektras Schwester rührende, mitfühlende Klänge. Beide, das war ein Kernpunkt der Überzeugungskraft, gestalteten keine eindimensional ungleiches Paar, sondern erhielten ihren Figuren Sinnlichkeit und Menschlichkeit.

Aušrinė Stundytė (Elektra) und Elisabeth Teige (Chrysothemis), Dresdner Philharmonie, Photo: Dresdner Philharmonie, © Oliver Killig

Elektra, immer wieder Elektra beherrschte die Bühne – nur für einen Augenblick gibt sie den Platz neben dem Dirigentenpult für die Mutter frei. Die anderen Solisten agierten vor der Bühne und im Rang unter der Orgel oder im Verborgenen, wie der MDR-Rundfunkchor (Einstudierung: Thomas Eitler-de Lint). Trotz der ungleichen Szenenanteile stellte sich aber nicht das Gefühl eines Ungleichgewichts ein. Mit dem Auftauchen von Orests Diener (Andrew Harris) kommt nach Jahren der Starrheit und des Ausharrens Bewegung in die Geschehnisse am Hof. Orest (Albert Pesendorfer) findet für Elektra warme Worte, bevor er(im Palast, nicht sichtbar) ein Blutbad anrichtet. Auch Aegisth (Thomas Blondelle), der sich nur einen kurzen Augenblick darauf besinnen kann, was ihm bevorsteht, bildete einen markanten Handlungspunkt stark aus.

»Mörder sind im Haus« schreien die Mägde, als Orest die Rache vollzieht – ein grausames Schicksal, aber musikalisch eindrucksvoll. »Das war ein Spektakel« sagt ein Besucher im Hinausgehen – und empfand das nicht allein. Das Publikum feiert die Philharmonie lang und anhaltend, Donald Runnicles Dank geht ans ganze Orchester, per Handschlag zum Kontrabaß, dann tritt er zum Applaus noch einmal mit Aušrinė Stundytė vor die Philharmonie.

13. März 2026, Wolfram Quellmalz

Im kommenden Jahr steht Ludwig van Beethovens »Leonore« konzertant auf dem Programm. Es wird eine interessante Wiederbegegnung – vor zehn Jahren, zur Einweihung des neuen Konzertsaales, war das Stück schon einmal zu erleben, damals mit dem Dresdner Festspielorchester.

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