Musik kehrt an den Ursprungsort zurück

Kammerchor der Frauenkirche Dresden erstmals in der Schloßkapelle

Im Herbst war die neu errichtete Schloßkapelle in einem Festakt wiedereingeweiht worden. Vor einer Woche nahm der Dresdner Hofmusik e. V., der bereits die musikalische Belebung seit der Rückgewinnung des Raumes im Zuge des Wiederaufbau des Residenzschlosses vorangetrieben hatte, mit dem Ensemble Ælbgut die Reihe der offiziellen Konzerte neu auf [NMB berichteten: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/03/09/dritte-blute/%5D. Am Sonnabend gab es ein Debut zu feiern, das gleichzeitig einer Rückkehr entsprach: der Kammerchor der Frauenkirche war zum ersten Konzert überhaupt an diesem Ort und präsentierte dabei Werke von Heinrich Schütz und Michael Praetorius – sie waren Kapellmeister am Sächsischen Hof gewesen und hatten ihre Musik vor vierhundert Jahren (im Fall Praetorius sogar mehr) teils für genau diesen Raum geschrieben!

Frauenkirchenkantor Matthias Grünert war nach zwei Stunden Probe mit seinem Chor vom Raum begeistert. Zwar sei die Akustik »trocken«, aber die Atmosphäre intim wie in einem Wohnzimmer. Für das erste Konzert hatte sich Grünert bereits überlegt, wie die Kapelle unter den derzeitigen Umständen am besten zu nutzen sei, wünschte sich künftig nur auf der Musikempore eine kleine Tribüne für den Chor sowie eine Orgel vor der nackten Wand mit einer nicht repräsentativen Tür (technische Verbindung zum Schloß). Zur Fritzsche-Orgel, meinte der Frauenkirchenkantor mit leuchtenden Augen, gäbe es doch Studien, auf deren Basis sich eine Rekonstruktion glaubhaft umsetzen ließe.

Konzert in der Dresdner Schloßkapelle mit dem Kammerchor der Dresdner Frauenkirche am Sonnabend, Photo: NMB

Die leuchtenden Augen gab es bei Besuchern schon vor dem Konzert – wie vor einer Woche war es binnen kürzester Zeit ausverkauft. Das zeigt, welche Anziehungskraft der Ort ausstrahlt, welche Bedeutung er hat! So sollte das wichtiges Ereignis und in diesem Fall Debüt nicht einfach beginnen, sondern wurde mit einem Vortrag zur Historie und dem Wiedererstehen der Schloßkapelle eingeleitet. Stefan Bürger (heute Professur für Kunstgeschichte, Universität Würzburg) hatte damals als wissenschaftlicher Mitarbeiter den neuen Lösungsansatz des Schlingrippengewölbes erarbeitet (zuvor »Netzgewölbe«), der schließlich auch umgesetzt wurde. Das komplex erscheinende Gebilde, so die Erkenntnis, beruhe auf einfachen geometrischen Elementen, in diesem Fall Kreisen, wie die Projektion sichtbar machte.

Nach solchen Einsichten sorgten der Kammerchor der Frauenkirche Dresden und die Instrumenta Musica (Leitung und Posaune: Ercole Nisini) für Hörbarkein in der Schloßkapelle. Außer a cappella vorgetragenen Titeln (Schütz »Die mit Tränen säen«, SWV 378) agierte auch das Instrumentalensemble teils allein und zeigte, welche Vielfalt sich mit wenigen Akteuren darstellen läßt. Neben führenden Bläsern (Posaunen sowie Flöte: Ulla Schmidt) und der Violine (Angelika Grünert) erwies sich Peter Kuhnsch mit einer Trommel, die er sehr dynamisch einsetzte, Tamburin nebst Schellen und Glocken als vitaler Geist, womit sich nicht zuletzt ein Klangbild verdeutlichte, das im Frühbarock noch die Renaissance munter enthielt.

Der Kammerchor der Frauenkirche begegnete der trockenen Akustik mit großer Präsenz und Wortausdeutung. Am schönsten und effektvollsten vielleicht in einer kleinen Messe (Missa sine nomine, Auszug aus der Missodia Sioniae) von Michael Praetorius, bei der Matthias Grünert den gregorianischen Vorsatz des Gloria von der »Himmelsempore« (über der kurfürstlichen oder Westempore an der Rückseite der Kapelle) singen ließ. Auch von hier flutet der Gesang den Raum einnehmend!

Zuvor hatten schon Heinrich Schütz‘ »Also hat Gott die Welt geliebt« (SWV 380) einen vermittelnden, geschlossenen Charakter gezeigt. »Meine Seele erhebt den Herren« von Michael Praetorius verstärkte diesen Eindruck. »Herr, auf dich traue ich« (SWB 377) von Heinrich Schütz war mit seinem frohen, die Zuversicht der Aussage überzeugend darstellenden Gestus ein Höhepunkt!

Für einzelne Titel wurde Frauenkirchenkantor Matthias Grünert zum Zuhörer, wenn die Instrumenta Musica allein spielte, Photo: NMB

Zwischen den gesungenen Titeln bot die Instrumenta Musica mit Instrumentalsätzen von Praetorius, Carlo Farina sowie aus der Feder von Moritz Landgraf von Hessen (Pavane), der als Entdecker Heinrich Schütz‘ gilt und dessen Förderer war. Heinrich Schütz‘ »Verleih uns Frieden gnädiglich« (SWV 372) und »Das ist je gewißlich wahr« (SWV 388) waren ein nur vorläufiger Abschied, denn ab Herbst darf man wohl auf eine steigende Anzahl Konzerte hoffen. Der Kammerchor der Frauenkirche Dresden ist am 12. Dezember wieder hier.

15. März 2026, Wolfram Quellmalz

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