Thomas Lennartz reißt im Dresdner Orgelzyklus vor allem mit einem Boléro mit
Einst gab es eine Diskussion um das Instrument der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche. Der Verlust dreier Silbermann-Orgeln auf kleinem Raum (außer der Frauenkirche jene der Sophienkirche und der Hauskapelle des Taschenbergpalais‘) schmerzt bis heute. Also eine Rekonstruktion, Annäherung oder doch ein modernes Instrument? Die Entscheidung fiel auf eine moderne Orgel, die Bach / Silbermann ebenso abbilden sollte wie deutsche und französische Romantik und die aus einem der Ursprungsgebiete Silbermanns kam, dem Elsaß, wo Gottfried bei seinem Bruder Andreas gelernt hatte.
Insofern war das französische Programm von Thomas Lennartz gestern allein schon wie ein Brückenschlag. Der ehemalige Dresdner Domorganist (heute Prof. für Orgelimprovisation und Liturgisches Orgelspiel sowie Direktor des Kirchenmusikalischen Instituts an der HfMT Leipzig) hatte Werke von Louis Vierne, Alexandre Guilmant und Pierre Cochereau Chorälen Johann Sebastian Bachs gegenübergestellt und schloß mit einer eigenen Improvisation ab. Cochereaus Name mag manchen vielleicht weniger bekannt sein als der von Vierne, doch zeigt ein kurzer Blick in die Orgelhistorie, welch große Bedeutung er im 20. Jahrhundert hatte – als Lehrer ebenso wie in seinem Einfluß auf die Orgel, wie nicht nur sein Nachfolger als Titularorganist an Notre-Dame de Paris, Olivier Latry, berichten kann.
Louis Viernes Prélude aus der ersten Orgelsinfonie (Opus 14) ließ sogleich die sinfonische Dichte eines Klanglichen Gewebes offenbar werden, selbst wenn sich darin ein choralähnliches Thema offenbarte – es blieb eingeschlossen bzw. umschlossen von den umgebenden Registern. Das Thema bzw. der Konzerttitel des Abends, »Licht und Dunkel«, wurde ebenso offenbar; in einem Zunehmen der Helligkeit einerseits, aber auch in Schattenlinien der Sinfonie.
Mit Pierre Cochereaus Boléro für Orgel und Schlagwerk (Transkription von Cochereaus Sohn Jean-Marc) sorgten Thomas Lennartz und Cornelius Altmann (Paukenbauer und -spieler, Dresdner Paukenwerkstatt) für den sicher größten Effekt des Abends. Viel zu sehr ist der Boléro, ursprünglich ein lateinamerikanisches Liebeslied, auf Maurice Ravels Komposition reduziert! Cornelius Altmann gab mit einem Trommelwirbel den Auftakt, Thomas Lennartz setzte mit dem Orgelbaß nach. In seiner Emotionalität, nicht weniger in der Dynamik, war das Stück sofort als Boléro zu erkennen, der Komponenten des Lichts ebenso enthielt wie einen wechselnden, beschwingten, weiterhin gefühlsbetonten Verlauf – mitreißend, ganz ohne schnell oder impulsiv zu sein! So endete Cochereaus Boléro auch nicht mit einem Schlußakkord, sondern schwoll ab.
Zeit für Johann Sebastian Bachs »Ich ruf‘ zu dir, Herr Jesu Christ« (BWV 639), das schon eine große Eindringlichkeit entwickelte, bevor die Singstimme hervortrat. Insgesamt standen die Bach-Werke (später folgte »Wenn wir in höchsten Nöten sein«, BWV 668) in der Farbigkeit der Registrierung aber hinter den französischen Titeln zurück.
Pierre Cochereaus war noch ein zweites Mal vertreten, mit seinem Scherzo symphonique (Transkription: Jeremy Fisell). Auch dies ein tänzerisches Stück, das aber nicht lasziv schwebend erschien, sondern auf Bach geradezu grell begann. Viel Licht also und Jubel von weit oben in der Frauenkirche.
Mit Alexandre Guilmants Sonate Nr. 2 (D-Dur, Opus 50) stand ein mehrsätziges Werk auf dem Programm, das im ersten Satz nicht nur zunehmendes Licht, sondern eine Steigerung der Lebensenergie darzustellen schien. Dieser freudvollen Gestus schloß mit einem Allegro vivace, das »öffnet die Herzen« zu sagen schien, ab.
In einer abschließenden Improvisation verband Thomas Lennartz die Choräle »Aus tiefer Not schrei ich zu dir« und »Ach, bleib mit deiner Gnade«. Fallenden Einzeltönen im Oberwerk stand zunächst das Thema im Baß gegenüber, bevor er beide Themen verwandelte und Überleitungen schuf.
In der kommenden Woche spielt Raphael Attila Vogl im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ verschiedene Werkbearbeitungen (u. a. Reger und Bruckner) an der Eule-Orgel des Dresdner Kulturpalastes

unsere Rezension: https://neuemusikalischeblaetter.com/2024/08/10/zwischen-himmel-und-notre-dame/