Wer ist hier der Tor?

Neuinszenierung von Wagners »Parsifal« an der Semperoper erstickt in Symbolik

Die Intendanz von Nora Schmid an der Semperoper ist bisher von Erfolgen im modernen und zeitgenössischen Repertoire getragen sowie von manchen Entdeckungen (Boito »Mefistofele«), doch um die »großen Nummern« von Wagner oder Strauss machte sie einen Bogen. Einen Nachlauf gab es zu Beginn ihrer Amtszeit mit einer Wiederaufnahme des »Holländers«, im letzten Jahr immerhin »Lohengrin« als Neuauflage, im nächsten kommt »Der Rosenkavalier« wieder. An neuen Produktionen der beiden wichtigsten Opernkomponisten für die Sächsische Staatskapelle gab es einzig Strauss‘ »Intermezzo«, eher eine kurze Oper und ein »Ergänzungsstück«, das allerdings sehr gelungen ist (Wiederaufnahme im April).

Ähnlich sieht es mit Daniele Gatti aus, der in seiner Zeit als Chefdirigent einen verspäteten Operneinstand mit Verdis »Falstaff« feierte. Am Sonntag kam es endlich zur lang ersehnten großen Premiere: Richard Wagners »Parsifal«, musikalisch in einer Spitzenbesetzung, doch ach – es ging daneben! Die Regie von Floris Visser scheiterte an den eigenen Ideen und erstickte an überladener Symbolik, und auch Daniele Gatti und die Sächsische Staatskapelle schienen zur Premiere noch nicht frei.

Besonders der erste Aufzug mißlang regelrecht. Unsaubere Einsätze und eine mangelnde Intonation der Holzbläser ließen keine Stimmung aufkommen, wozu Daniele Gatti mit seinen Abbrüchen (!) im Vorspiel, welche die Spannung bremsten, noch beitrug. Immer wieder setzte er ab, machte Generalpausen – Stillstand statt Fluß und Schwebung bei Wagner! Die Blechbläser klangen anfangs hell über dem übrigen Orchester – es dauerte lang, bis sich die Kapelle freigeschwommen hatte und im dritten Aufzug endlich amalgamierte, wie man sie kennt.

Kundry (Michèle Losier) in Lackstiefeln, der Junge (Leander Wilde als großartiger Kinderkomparse) darf in den Konflikt mit Gurnemanz (Georg Zeppenfeld) nicht eingreifen, (hinten: Aaron Godfrey-Mayes und Jin Yu als 3. und 4. Knappe), Photo: Sächsische Staatsoper, © Jochen Quast

Die Regie tat nichts dafür, ein Bild zu fügen, im Gegenteil, zerfiel die Szene regelrecht. Der Kinderchor der Semperoper Dresden, für sich genommen toll vorbereitet, klang im ersten Aufzug von weit rechts, irgendwo draußen, wie auch die Frauen (links). Und selbst die Männerstimmen, wiewohl mittig hinten, litten am »Außeneindruck«. Die Stimme von oben? Irgendwoher. Vielleicht zerfiel hier gar nichts, sondern hatte sich gar nicht gefügt!

Dabei waren Kernideen der Regie gar nicht schlecht: Parsifal mit den Augen eines Kindes, das mit der Schulklasse die Ruine der Abtei Sankt Parsifal besucht. Ein Bildungsprogramm sozusagen. Aber »Bildung« sagt man nicht mehr, es heißt heute »Education« (auch wenn man das bescheuert finden könnte), das paßte dann wenigstens zu den überwiegend englischen Plakaten der Demonstranten am Ende des Stückes. Oder war das »Enough is enough« ironisch? Aber wir wollen nicht vorgreifen …

Neben der Schulklasse besuchen Versehrte die Abtei und deren Heilige Quelle, als wäre es Lourdes. Da tauchen plötzlich Figuren auf, ein Ritter in chromglänzender Rüstung (Kostüme: Jon Morell), und Parsifals Geschichte bildet sich in der Realität des Jungen ab. Die erfundene, stumme Rolle war vielleicht das tollste an diesem Abend, denn Leander Wilde spielte fast die ganze Zeit mit, war nicht nur nah dran, sondern griff ein, gab Ermatteten Wasser aus seiner Trinkflasche, versucht zu schlichten, zu trösten – und durfte es doch nicht. Der Junge ist ein wenig wie ein Zeitreisender, der in der Geschichte rückwärts geht, vergangene Geschehnisse erlebt, aber nicht eingreifen darf, weil er sonst seine Gegenwart verändert. Für sein anspruchsvolles Spiel wurde Leander Wilde am Ende zu Recht gefeiert, war zweiter Held neben Parsifal.

Kundry (Michèle Losier) umsorgt den kranken Amfortas (Oleksandr Pushniak), Leander Wilde, Gurnemanz (Georg Zeppenfeld), hinten: Jin Yu (4. Knappe), Ekaterina Chayka-Rubinstein (2. Knappe), Aaron Godfrey-Mayes (3. Knappe), Jasmin Delfs (1. Knappe), Komparserie, Photo: Sächsische Staatsoper, © Jochen Quast

Dieser, der reine Tor, von Eric Cutler gespielt, hielt sich wacker, so stand Parsifal manchmal fassungslos vor den Ereignissen und mußte sich besinnen. Die Reinheit und das Heldenhafte gelangen großartig, selbst wenn Cutler nicht immer frei agieren konnte. Schlimmer traf es Kundry, deren Erzählmonolog vor dem Hintergrund eines Blockhüttenkitsches jede Fokussierung verlor. Wenigstens einen kahlen Caspar-David-Friedrich-Baum erspart das Bühnenbild (Frank Philipp Schlößmann). Doch Michèle Losier blieb zu sehr strahlender, scharfer Sopran – wo war Kundrys mütterliche Wärme?

Georg Zeppenfeld hatte als Gurnemanz Startschwierigkeiten, mußte sich auch gegen das Orchester durchsetzen, was ihm aber gelang – bald fand er zu gewohnter Souveränität. Scott Hendricks spendierte Klingsor einen leicht giftigen Zauberauftritt, während Oleksandr Pushniak Amfortas als kraftvoll Leidenden inszenierte – der Gralskönig jammert und hadert nicht, ist aber geschwächt und muß sich aufraffen, Kräfte konzentrieren.

Die Bilderflut ließ nicht nach. Immer wieder Projektionen auf die Bühne und den Hintergrund – Kanonen, Kriegsflieger, Soldaten, Ölfelder, Fabrikschlote, Menschen, Natur – alles Weh der Welt liegt auf Parsifals Schultern? Wer etwas verpaßte, bekam es in Wiederholungen serviert, nebst Pinguin. Nein, kein Pinguin, aber ein Eisbär mußte es sein. Mußte es sein? Müssen die Pilger zu Demonstranten mutieren? Selbst wer intellektuell einen Zusammenhang mit Ostermärschen herstellt, wird sich doch fragen (dürfen), was das mit Parsifal zu tun hat. Nur selten gelangen Szenen wie Klingsors Garten mit den Zaubermädchen und dem naiven Parsifal.

Gurnemanz (Georg Zeppenfeld) zweifelt an der Enthüllung des Grals am Sarg von Titurel, Amfortas (Oleksandr Pushniak) ist leidend dazu gezwungen, SächsischerStaatsopernchor, Photo: Sächsische Staatsoper, © Jochen Quast

Besser ist es, sich auf den Gesang zu konzentrieren, die vielen Engel, Allegorien und sonstigen Klimbim nicht zu ernst zu nehmen, sonst denkt am Ende noch jemand angesichts der Blutlache auf der Bühne an »Das Gespenst der Cantervilles« …

Es ist aber nicht alles schlecht: die Abteiruine mit gotischen Spitzbögen (nach dem Dom zu Siena, Wagners Inspiration) bietet aus verschiedenen Blickwinkeln, drinnen und draußen, alle notwendigen Orte. Mancher Umbau gelang, im Dunkeln, aber ohne Vorhang, verblüffend. Trotzdem wurde die Drehbühne beständig überdreht. Überhaupt wurde zuviel gezeigt: so wie die Kinder Schulbücher dabei haben, läßt Floris Visser bis zur Selbstentmannung Klingsors praktisch alles darstellen, was Wagner beschreibt oder voraussetzt – etwas viel »Bildungsfernsehen«!

Man könnte die Nase über Richard Wagners Begriff des »Bühnenweihfestspiels« rümpfen – auch das darf man. Aber die Regie hat den Karfreitagszauber entzaubert, und Daniele Gatti ist es nicht gelungen, dies zu kitten, selbst wenn die Musik am Ende viel Beifall bekam. Daß sich Dirigent und Kapelle in den nächsten Aufführungen steigern, darf man voraussetzen. Nur – warum so spät? Da fallen manche Sinfoniekonzerte, die von Tag zu Tag besser werden, in ein anderes Licht – wird denn nicht genug geprobt? Immerhin: die Hauptdarsteller sind Spitze! Für die Regie gab es ungewöhnlich viele Buhs.

Nah an Wagners Inspiration: die Abtei St. Parsifal, Sächsischer Staatsopernchor, Komparserie, Photo: Sächsische Staatsoper, © Jochen Quast

23. März 2026, Wolfram Quellmalz

Semperoper Dresden: Richard Wagner »Parsifal«, Daniele Gatti (Musikalische Leitung), Eric Cutler (Parsifal), Georg Zeppenfeld (Gurnemanz), Leander Wilde (ein Junge), weitere Solisten, wieder sowie am 31. März, drei weitere Vorstellungen im April

Hinterlasse einen Kommentar