Sir Donald Runnicles erweitert die Darstellungskraft der Dresdner Philharmonie
In seinen bisherigen Konzerten, nicht nur der konzertanten Aufführung von »Elektra«
[unser Bericht: https://neuemusikalischeblaetter.com/2026/03/16/morder-sind-im-haus/]
hatte Sir Donald Runnicles, der Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, nach seinem Amtseinstand mit programmatisch (»British Festival«) und dramaturgisch ausgefeilten Abenden auf sich aufmerksam gemacht. Am Sonnabend sorgte er mit einem rein französischen Programm dafür, eine ganz besondere Betonung auf den Klang zu legen. Mehr als nur die »Farbe« gehörte bei Werken von Claude Debussy und Maurice Duruflé durchaus dazu.
Der Anfang schien noch einfach, schließlich hört man Claude Debussys »Prélude à l’après-midi d’un faune« immer wieder einmal (gerne) im Konzert. Dennoch fiel schon hier ein »Extra« darin auf, wie Holzbläser, vor allem Flöten, weich phrasiert einsetzten und sich die Hörner geschmeidig darüberlegten. Mit den Harfen ergab sich ein Klang, als würde Wind Gras in Wellen bewegen. Mit den elastischen Streichern um Konzertmeister Robert Lis (Gast) war dies ein so sanftes wie im Kolorit differenziertes »Erwachen«.
Mit Debussys Poem »La damoiselle élue« und Maurice Duruflé Requiem (für Mezzosopran, Bariton, gemischten Chor, Orchester und Orgel) folgten zwei Werke, die bisher noch gar nicht (Debussy) oder vor langer Zeit (Duruflés Requiem wurde zuletzt 1987 gespielt) erklungen waren. Das sanfte Wiegen blieb im Orchester zunächst vorbehalten, mit den Damen des MDR-Rundfunkchores mischte sich ein besonders heller Chorklang hinein. Doch die Sanftheit blieb nicht alleinbestimmend – ein Harfenakkord riß auf, die Flöten setzten Akzente. Heidi Stobers Sopran und vor allem Karis Tuckers vibratoreicher Mezzosopran sorgten für eine atemvolle Ausgestaltung des Textes. Geschmeidige, sirenenhafte Klänge hatte Claude Debussy um den verführerischen Text geschlungen!

Insofern schlug die Dresdner Philharmonie mit Duruflés Requiem sowohl im Bezug als auch der Musik einen anderen Weg ein. Neben Karis Tucker am vorderen Bühnenrand wirkte Bariton Markus Eiche hinter dem Orchester mit, der MDR-Rundfunkchor nahm in ganzer Stärke unter der Orgel, die ebenfalls gespielt wurde (Thomas Ospital), Aufstellung. Erneut waren wellenähnliche Motive tragend, doch der Klang blieb insgesamt das Hauptereignis und sorgte für berührende Verbindungen mit dem Text (»ewiges Hell, leuchte ihnen«). Schon bei Debussy hatte Donald Runnicles mit einem außerordentlichen, nicht überzogenen Echo Wirkung erzielt, jetzt sorgten Instrumentengruppen wie herrliche Violen oder die Holzbläser für tragende Nuancen.
Der MDR-Rundfunkchor als einer der Hauptakteure begeisterte mit seiner hohen Verständlichkeit, aber auch Darstellungskraft, mit der er einer Bitte (»libera animas omnium fidelium …« / »befreie die Seelen aller Gläubigen …«) Ausdruck verlieh oder die »ewige Ruhe« sinnbildlich durch Klang wirken ließ. Im Sanctus wurde ein fast wohliger Chorklang tragend, ebenso formte das Orchester im Wechsel bzw. mit Unterstützung der Orgel daran.

Die Soli der Sänger blieben tragfähig und von feiner Kantabilität, woran sich das Violoncello (Ulf Prelle) ebenso anschloß wie noch einmal die Violagruppe. In der »ewigen Ruhe« des Lux aeterna verschmolzen Chor und Philharmonie geradezu, worauf im Libera me die Blechbläser die Stimmung erst anhoben und dann mit Reflexen zum Dies irae überleiteten. Donald Runnicles gestaltete das »Jüngste Gericht« fast plastisch!
Die Überleitung zum In Paradisum erfolgte mit einem schwebenden Piano, das in den Engelschor einbezog. Neben der Farbigkeit war die Spannkraft an diesem Abend beeindruckend, so verwunderte es kaum, daß es nach dem Schlußakkord sekundenlang Stille gab.
29. März 2026, Wolfram Quellmalz