Johannis-Passion in der Himmelfahrtskirche Dresden-Leuben
Bis Ostern noch nutzen viele Gemeinden die Möglichkeit, Passionsmusiken aufzuführen oder in Konzerten zu präsentieren. Wie schön, wenn man so eine große Auswahl hat! Mancher bevorzugt Bachs Matthäus-Passion, anderen istdie Erzählung nach dem Evangelisten Johannis lieber – in Dresden muß man auf keine von beiden verzichten. Die Fassung nach Matthäus, aber in der Musik von Schütz, stand eigentlich vor zwei Wochen auf unserem Programm, in der Himmelfahrtskirche Altleuben, die nicht nur musikalisch, sondern auch im Raum hell und freundlich wirkt. Ein tragischer S-Bahn-Unfall verhinderte jedoch die Anreise, mit dem in diesem Fall kleineren Übel, nur die Aufführung verloren zu haben und nicht mehr.
Auf eine neue »Gelegenheit Schütz« müssen wir also wohl bis zum nächsten Jahr warten, doch in Altleuben stand am Sonntag bereits ein noch größeres Werk auf dem Programm: Johann Sebastian Bachs Johannis-Passion (BWV 245). Ein in der Tat großes Werk für eine Kirche, könnte meinen, wer Bachs Passionen nur aus Konzerten mit Profichören kennt. Doch wer ein rechter Kantor ist, findet einen Zugang, gerade zu Bach, zeigt die Erfahrung. Paul Ehrmann, den wir bereits in der Bach-Kantaten-Reihe der Musikhochschule erlebt haben, wurde in Altleuben vom Sonans Ensemble incl. eines Chores und vieler Solisten unterstützt.

Natürlich ist die Rolle des Evangelisten die wichtigste in den Passionen, und Conrad Hanz steht damit vielleicht noch am Anfang, doch bewies er nicht nur Gestaltungssinn, sondern eine Tendenz zur Emphase, wie sie unter Paul Ehrmanns Leitung überhaupt wesentlich wurde. Mögen sich hier und da kleine Unsicherheiten eingeschlichen haben – bestimmend blieb die Aussage und die Leidenschaft, mit der die Passion doch verbunden ist! Gerade das übertrug sich auf das Publikum, wie man mehrfach auf dem Nachhauseweg hören konnte.
So lag das Ohrenmerk also nicht beständig auf der Korrektheit von Intonation oder Tempo, was allein nur sachlich und nüchtern gewirkt hätte, sondern auf einer lebhaften Darstellung und wahrhaftigen Erzählung, die schon mit dem Eingangschor und einem pulsierenden Instrumentalensemble um Olivia Croitoru (1. Violine) begann. Die Flöten (Nika Oder und Perrine Joedicke), mehr noch die Oboen (Pedro Lai und Sophie Rougemont mit den größeren Anteilen) waren, teils solistisch, wesentliche Sängerbegleiter oder selbst kantable Teilnehmer. Nicht unwesentlich war sicher die Beteiligung von Robin Gaede (Orgel und Cembalo), der, selbst als Kantor in Dresden-Strehlen, als zentraler Punkt im Basso continuo seine Erfahrung einbringen konnte.
Zur hellen Kirche paßte die helle und reiche, durchaus emotionale Gestaltung der Evangelistenrolle, Ludwig Koch sorgte für die klangvolle Stimme Jesus‘, Jakub Malatinec stand ihm als Petrus nicht nach. Nikolai Füchte – wie viele andere aus den Kantaten-Projekten bekannt – hatte neben den Baß-Arien auch Pilatus übernommen). Bei den Tenören spielte Oliver Chubb in den Arien (großartig: »Ach, mein Sinn, wo willt du endlich«) eine zentrale Rolle. Unter den Sängerinnen fiel besonders Irina Maria Antesberger (Sopran-Arien) positiv auf. Karolin Uhr hatte mit der Arie »Es ist vollbracht« eine ganz wesentliche Partie übernommen.
Allein eine tragfähige schöne Stimme genügt eben nicht für eine berührende Darstellung des Passionsgeschehens. Paul Ehrmann unterstützte mit ansprechenden Tempi ebenso die Verständlichkeit, wie dem Verlauf der Geschichte Ruhemomente und solche der Besinnung gegeben waren. Besonders gefiel, daß dies nicht zu einer einfachen Einteilung in »schnelle« Chöre und »langsame« Choräle führte, sondern daß die Darstellung flexibel blieb. Wie im Choral »Wer hat dich so geschlagen«, der getragen, in einer ungläubigen Fassungslosigkeit begann, mit der Zeile »Ich, ich und meine Sünden« aber mit Nachdruck das Temperamen wechselte.
Die Begleitung war ebenso flexibel, selbst wenn keine auffälligen Bläsersoli enthalten waren. Das Arioso »Betrachte, mein Seel« (Nikolai Füchte) flankierten die Violinen nebst Viola (Nomi Jantz) ebenso schön wie die Arie (Baß mit Chor) »Eilt, ihr angefochten Seelen« – in seiner Erregung einer der überzeugendsten Teile. Aber auch mancher Choral wurde erhöht oder lebhafter, wenn die Oboen darin hinzutraten (»Durch dein Gefängnis«).
Für den (an sich tragischen) Höhepunkt sorgte Karolin Uhr, deren »Es ist vollbracht« ja dem Höhepunkt des Todes entgegenstrebt; auch hier zweiteilig mit verschiedenen Tempi sehr ausgewogen dargestellt und mit einem Ruhepunkt im Anschluß. Das Violoncello (Lars Degenkolb) nahm kurz darauf solistisch den Faden auf, den Paul Ehrmann zum versöhnlichen, hoffnungsvollen Ende des Schlußchores führte.
30. März 2026, Wolfram Quellmalz
Am Karfreitag gibt es in AltleubenMusik zur Sterbestunde Jesu. Dieser und weitere Termine unter: