Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle präsentiert exotischen Mozart
Die Kammerabende der Sächsischen Staatskapelle versprechen eigentlich immer etwas Besonderes: Entweder selten gespielte Stücke oder Werkfassungen oder sogar Ausgrabungen. Auch hoch interessante Gegenwartsmusik gibt es regelmäßig zu hören. Selbst wenn nichts davon im Programm steht, sondern »nur normale Werke« eines Standard-Repertoires, kann man die erstaunliche Kammermusikalität von Orchestermitgliedern erleben, die sonst, als »Tutti«, nicht so exponiert wahrgenommen werden.
Am Mittwoch gab es nicht nur exotische, sondern geradezu extravagante Werke mit dreizehn Beteiligten incl. eines Gastes. Die Versprechungen des Programms und die Erfahrungen der Stammbesucher hatten – wie oft zuletzt – für eine bis in den vierten Rang besetzte Semperoper gesorgt. Dabei war schon vorab die Gewißheit eines schönen Ausblicks (in die weitere Zukunft) gegeben, denn junge Orchesterzugänge wie Michail Kanatidis, Dorit Essaadi und Marcello Enna, teils über die Giuseppe-Sinopoli-Akademie zur Kapelle gekommen, beteiligen sich bereits an den »Freiwilligendiensten« der von den Musikern selbst organisierten Kammerabende.
Oft steht – in letzter Zeit immer besser vermittelt – einer von ihnen als Initiator im Hintergrund. Diesmal der stellvertretender Erster Konzertmeister Tibor Gyenge. Er hatte seine Kollegen von zwei Werken Wolfgang Amadé Mozarts, die wahrscheinlich noch kaum ein Konzertbesucher zuvor gehört hatte, sowie einem Sextett von Ernö von Dohnányi überredet, das vor 90 Jahren uraufgeführt worden war.
Wolfgang Amadé Mozarts Serenade »Ganz kleine Nachtmusik« (KV 648), vor zwei Jahren erst in der Musikabteilung der Leipziger Stadtbibliothek wiedergefunden, erklang, vermuteten die Musiker, in Dresden vielleicht das erste Mal überhaupt in einem Konzert, zumindest seit der Wiederentdeckung*. Tibor Gyenge und Michail Kanatidis (Violinen) sowie Titus Maack (Violoncello) spielten das Streichtrio des jugendlichen Mozart – eine mit seinen beiden hohen und der einen tiefen Stimme gegenüber dem normalen Streichtrio (Violine, Viola, Cello) »verschobenen« Besetzung. Doch schon beim Teenager (wenn nicht früher) Mozart zeigten sich Witz und Charme, die Gediegenheit des Miteinanders wie kommentierende Stimmen, die an Haydn erinnerten (Menuet) und humorvolle Passagen, die mit Flageolett und anderen Verfremdungen spielten. Das schien einmal sogar zu Luigi Boccherini zu führen, denn im Adagio, mit Dämpfern gespielt, ähnelte Mozarts Duktus dem dunklen Ton des Italieners. Mit dem flotten Kehraus des Finale. Allegro war die »Ganz kleine Nachtmusik« schon vorbei – sicher wird man nicht lang auf eine Wiederaufführung warten müssen.

Die größere Verblüffung gab es aber wohl mit dem folgenden Stück, obwohl wenn man Mozarts Sinfonia concertante Es-Dur (KV 364) an sich kennt. Das beliebte Werk steht gern auf dem Plan, wenn sich zwei Virtuosen mit Violine und Viola vor einem Orchester treffen. Das Grande sestetto concertante für Streichsextett und Kontrabaß ad libitum war die Bearbeitung eines unbekannten Zeitgenossen Mozarts. Damals war dies eine übliche Praxis für den Markt der Massenware: Musiker, manchmal weniger begabte Komponisten, fertigten Fassungen großer Werke für den Hausgebrauch an. Manches darunter ist von höchster Qualität (Johann Nepomuk Hummel, wiewohl kein »minderer« Komponist, bearbeitete Mozart für Flötenquartett), und auch das Grande sestetto concertante bezauberte nicht nur, es erreichte neben dem Originalwerk Eigenständigkeit. Die konzertierenden Stimmen sind oft auf je zwei Instrumente übertragen (neben Tibor Gyenge und Michail Kanatidis Sebastian Herberg und Anya Dambeck an den Violen), das erste Violoncello (Sebastian Fritsch) trat solistisch stärker hervor. Trotzdem blieben die Solostimmen dezent eingebunden, wobei das ad libitum zum Septett gewachsene Ensemble nicht nur durch den Kontrabaß (Andreas Ehelebe) dramatische Verläufe geschmackvoll herausarbeiten konnte – diese exquisite Darstellung war ein Höhepunkt!

Da schien das Sextett C-Dur Opus 37 von Ernö von Dohnányi nach der Pause, nun mit Dorit Essaadi (Violine), Marcello Enna (Viola), Anke Heyn (Violoncello), Moritz Pettke (Klarinette), Marie-Luise Kahle (Horn) sowie Michael Schütze (als Gast am Klavier), ein wenig im Nachteil. Das Werk ist moderner, zu Beginn deutlich dunkler, und entwickelt gerade, weil es in Gruppen »zerfällt«, Streichtrio und Bläser gegenüberstellt, das Bild eines mitunter überraschenden Konglomerats von Instrumentenstimmen.

Reizvoll ist es gerade deshalb, weil auch die Verläufe starke Änderungen aufzeigen: das Horn rief einmal deutlich und brach aus dem Sextett aus, dann wieder schmiegte es sich gediegen in den Verbund, während das Klavier für einen deutlichen Nachhall sorgte. Witz hatte von Dohnányi sicher ebenso wie Mozart, das zeigten nicht zuletzt kleine »altwienerische« Einsprengsel im zunehmend turbulenten Finale.
* Wie sich zeigte, war dem nicht so. Der Fagottist des Dresdner Mozart-Vereis, Joachim Thäle, wies uns darauf hin, daß sein Orchester die »Ganz kleine Nachtmusik« bereits vor einem Jahr im Konzert präsentiert hatte (erstmalig am 5. April 2025 in der Heilig-Geist-KircheDresden-Blasewitz). Das ist für uns Anlaß, auf das aktuelle Konzert der Dresdner Mozart-Vereins hinzuweisen: es wird noch einmal am 18. April in der Himmelfahrtskirche Leuben und am 19. April in der Johanniskirche Meißen gespielt.