Cristian Măcelaru und Antoine Tamestit vom Publikum gefeiert
Das Große Concert am Donnerstag und Freitag im Gewandhaus zu Leipzig wandte sich ganz besonders Musik des 20. Jahrhunderts zu. Alfred Schnittke und Arthur Honegger wurden nicht nur als Belegbeispiele für neuer Kompositionen aufgeführt, sondern erfuhren durch Dirigent Cristian Măcelaru, das Gewandhausorchester und Bratschist Antoine Tamestit eine glaubwürde, nahbare Interpretation – dafür wurden sie vom Publikum ausgiebig gefeiert. Ausgerechnet Mozart, als »Katalysator« dazwischengesetzt (?), schien allerdings verloren.
Alfred Schnittkes Konzert für Viola und Orchester wurde zum fast kolossalen Erlebnis, riesig schon in der Anlage und Besetzung, die – höchst eigenwillig – auf Violinen gänzlich verzichtet, dafür aber mit zahlreichen Bläsern, Schlagwerken, Harfe sowie Klavier, Cembalo und Celesta (!) aufwartet. Das verdeutlicht allein schon, daß es um mehr geht als nur ein kompliziertes Werk einzuüben, wenn man dies aufführen will.

Antoine Tamestit schien äußerst dankbar für diese Gelegenheit – sein Dank fiel nicht devot aus, sondern mit Hingabe. Wer so intensiv für ein Werk glüht, hat den großen Teil des Publikums schnell für sich gewonnen, da mögen Schnittkes von ihm selbst so genannte Polystilistik noch so komplex und seine Motive noch so unergründlich sein. In der Tat hat der Komponist die Buchstaben B–A–Es–C–H–E tonal darin verankert, was einen Bezug zum Solisten der Uraufführung (Yuri Bashmet) ebenso erlaubt wie es die Verankerung von B-A-C-H oder D-Es-C-H (Dmitri Schostakowitsch) einschließt.
Dies herauszufiltern, zu hören, zu verfolgen, fiel teils schwer, weil es Schnittke gar nicht auf ein Motiv und dessen Verlauf angelegt hat. Statt dessen machten Cristian Măcelaru und Antoine Tamestit von Beginn verschiedene Ebenen deutlich, jagende, gehetzte Abschnitte, anschwellende Orchestercrescendi. Selbst einen Akkordschlag nutzte der Dirigent, um daraus einen Klang zu formen. Diese Wirkung, rhythmisch belebt, beeindruckte vielleicht am meisten, aber auch, wie nahtlos – als sei es »folgerichtig« – es in kantable Passagen oder die Solokadenz überging.
Zunächst schien, es, als wolle Antoine Tamestit diesem Parcours von über einer halben Stunde nichts folgen lassen, als gelte »Bach paßt als Zugabe immer« einmal nicht. Aber das Publikum bat ihn so nachhaltig, daß er die Sarabande aus der Cello-Suite G-Dur (BWV 1007) schließlich doch anfügte.
Nach einer geziemenden Pause folgte mit verschlanktem und im kleinen Kreis sitzenden Orchester Wolfgang Amadé Mozarts Sinfonie g-Moll (KV 183) – keine zwingende Programmauswahl, sieht man von äußerlichen Bezügen ab, die sich immer konstruieren lassen. Doch gelang es Cristian Măcelaru so gar nicht, ein ähnliches Feuer zu entfachen wie bei Schnittke. Nahezu vibratofrei geriet die Sinfonie in ihrer Schlankheit zu gering, mehr im Charakter eines Divertimentos (wie KV 136 bis 138)– wo war da die Spannung? Ein paar Bläser und herzhafte Bässe genügten nicht, den geradezu dünnen Eindruck aufzubessern.
Mit der Liturgischen Sinfonie von Arthur Honegger war die Spannung jedoch sofort wieder da, wie auch der großartige Klang. Honegger hatte seine dritte Sinfonie kurz nach dem Krieg geschrieben, weshalb sie mit anderen Werken besonders der »Stunde Null« zugeordnet wird. Darin scheint Honegger noch mehr das Vergangene zu erarbeiten als ins neue aufzubrechen – Dies irae (Tage des Zorns, zum liturgisch dem Requiem zugeordnet), De profundis (aus der Messe) und Dona nobis pacem stehen (ohne gesungenen Text) hier nicht wirklich in einer liturgischen Funktion, sondern dienen vor allem einer emotionalen Verarbeitung.
Die Klangaufweitung des Gewandhausorchesters war enorm, verstand es Cristian Măcelaru doch wieder, Ebenen und Verlauf sinnig mit dem Rhythmus zu beleben. Episoden blieben eingebettet und offenbarten erstaunliche Kontraste, wie zwischen den »plaudernden« Trompeten und den Posaunen, die kurz darauf mit der Tuba zum Chor verschmolzen. Immer wieder war die Sinfonie von schmerzlichen Aufwallungen geprägt, erst weit am Ende fand sie im Dona nobis pacem mit Solostimmen (Oliver Aldort / Violoncello, Andreas Buschatz / Konzertmeister, Ulrich Biersack / Flöte) zur Ruhe. Fast mochte man in diesem Aufflammen unmittelbar vor dem Frieden eine Gesetzmäßigkeit der Hoffnung sehen.
10. April 2026, Wolfram Quellmalz