Saisonabschluß im »Wahn«

Im achten Sinfoniekonzert hatte GMD Raoul Grüneis nach »Wahn I« im März mit Grieg, Atterberg und Schumann erneut Stücke von Komponisten zusammengebracht, die oft als außergewöhnlich oder »außer der Norm« betrachtet werden. Dabei reichte das Wahn-Spektrum vom Krankhaften (Depressionen) und übersteigerter (Selbst)Darstellung bis zu einem Bezug auf den Inhalt der Stücke.

Für Wagner, Rachmaninow und Berlioz bedurfte es eines großen Orchesters, eines riesigen Orchesters, mit jeder Menge Streichern, Bläsern, Pauken, Harfen – die Mittelsächsische Philharmonie spielte in voller Mannschaftsstärke nebst Gästen in der bis in die letzten Reihen besetzten Freiberger Nikolaikirche.

Richard Wagner läßt seinen Hans Sachs im »Wahn-Monolog« der »Meistersinger« über das (selbstgemachte) Menschenschicksal nachdenken. Das Vorspiel zum dritten Akt, welches dieses Thema aufgreift, war am Donnerstag der Auftakt zum Konzert. Schon hier stellte sich ein Gänsehautgefühl ein, strahlten die Hörner etwas weihevoll über schwebenden Streichern. Dabei setzte Raoul Grüneis nicht Wagner mit Wahn und Wahn mit Klangrausch gleich, sondern spürte in der Musik nach verwobenen Motiven. Statt Klangmassen bis zum Bersten aufzutürmen nahm er hier und da lieber etwas zurück, ließ Motiven die Klarheit, ohne an Farbigkeit oder Ausdruck einzubüßen.

Für Sergej Rachmaninows zweites Klavierkonzert hatte man mit Arkadi Zenzipér einen profilierten Solisten gefunden, der gerade für Aufführungen und Aufnahmen dieses Konzertes berühmt geworden ist – wohl eines seiner »Herzstücke«. Und: es muß nicht immer Steinway sein. Ein schöner August-Förster-Flügel kann auch beglücken. Reich, mit Fülle gestalteten die Mittelsächsische Philharmonie und Arkadi Zenzipér Rachmaninows Konzert, ließen es kraftvoll anschwellen, verwoben Klavier und Orchesterstimmen dicht. Da sang das Cello subtil in Begleitung des Solisten, klangen die dunklen Streicher mystisch, aus denen Flöte und Violinen hell aufleuchteten. Der zweite Satz war geradezu süffig, wie Arkadi Zenzipér und Raoul Grüneis das lyrisch-liedhafte darin auskosteten bis zur letzten Note. Da geriet jeder Übergang fließend – ob es die Stimmungswechsel des Klavieres waren, die Flöte, die sich nach der Kadenz des Solisten mit der Orchesterbegleitung erhebt oder Wechsel zwischen sanften, feinfühligen Passagen und überbordenden. Schwelgerisch schloß der Satz ab, aber nur, um anschließend alle Brillanz des Solisten und des Orchesters wieder hervorzukehren zu lassen. Und auch hier – kein Rausch, kein Wahn. Statt dessen eine feine Abstimmung, Klarheit, Sinnlichkeit. Diese Interpretation sprach Kopf und Herz gleichermaßen an und begeisterte. Als Zugabe wählte Arkadi Zenzipér aus Robert Schumanns »Carnaval«, einem Lieblingsstück Rachmaninows, die Introduktion.

Letztlich war der plakative Wahn nur eine Metapher der Programmgestaltung. Dem Konzert hatte Raoul Grüneis den Gedanken des Phantastischen zugrunde gelegt. Phantasmagorien finden sich auch in Hector Berlioz »Symphonie Phantastique«. Gleich mit dem ersten Satz, einer Traumszene, werden sie vorgestellt. Die Mittelsächsische Philharmonie sponn zunächst ein zartes Gewebe wie Zuckerwatte, aus dem nach und nach alle jene Charaktere und groteske Fratzen, die im Verlauf der folgenden Sätze hervortreten, entstanden. Eine Wahn-Vision, die Wirklichkeit wird. Oder nicht? Es brauchte nur ein paar Takte, dann startete das »Kino im Kopf«, sah man förmlich, wie in die Stille des Traumes hinein Saaltüren aufgerissen werden, Ballerinen und Offiziere hineinströmen für einen Ball, dessen Walzerseligkeit jedoch schnell kippt, verzerrt wird. Luftig, heiter, graziös gestaltete Raoul Grüneis »ein Ball« und die »Szene auf dem Lande«, die mit einem zarten Duett zwischen Englischhorn und Oboe (aus der Ferne) begann. Von hier ging es mit Gewitterdonner zum »Richtplatz« und die abschließende »Sabbatnacht«. Doch auch die Steigerung in einen wahnwitzigen, berstenden Abschluß, in dem die grotesken Fratzen des Anfanges wieder auftauchten, geschah mit Maß.

Mit dem wiederholten Walzer aus »ein Ball« verabschiedete sich das Orchester von seinem begeisterten Publikum.

12. Juni 2015, Wolfram Quellmalz

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