Meditatives Klangerlebnis

Stahlquartett in der Frauenkirche

Wie metallene Ungetüme standen sie da, die vier Stahlcelli, spannten gemeinsam ein Quadrat in der Unterkirche der Frauenkirche auf. Celli? Vom klassischen Violoncello sind diese Instrumente, sowohl optisch als auch im Klang, weit entfernt. Ein großes, mit leichtem Schneckengang gewundenes Blech dient der Tonerzeugung, angeregt wird es von einem der 26 Stäbe, die in zwei Kämmen der Kontur folgen und mit Bögen angestrichen werden. Also schon ein Streichinstrument, in der Tessitura etwa der eines Streichquartetts entsprechend – irgendeinen griffigen Namen muß es ja haben. Stahlcello also.

Der Tonumfang öffnet dem Stahlquartett scheinbar ein breites Repertoire, aber kann man auf einem Stahlcello eines nicht – geschwind spielen. Nur langsam werden aus Schwingungen Klänge geformt, doch nutzt das Ensemble diese prägende Eigenschaft für eine ruhige, fließende, geradezu meditative Musik. So auch am Sonnabend in der Frauenkirche, wo viele Zuhörer mit geschlossenen Augen nicht nur hörten, sondern auch zur Ruhe kamen, sich besannen, Gedanken schweifen ließen.

Das Klangspektrum des Stahlquartetts ist vielfarbig wie das einer Orgel. Neben sphärischen, metallisch gefärbten Streichertönen birgt es auch Anklänge eines Akkordeons, einer Glasharmonika oder Tuba. Ja, ganz recht: Wenn der Bogen mit Vehemenz gezogen wird, scheint sich das Klangblech zum Schalltrichter zu wandeln. Im Wesen der Töne kann sich das Stahlcello vielfach ändern, täuscht in Glasflaschen zu blasen oder Alphorn zu spielen vor, bleibt dabei in den Konturen aber Unscharf und voller Übergänge – eine sich stetig wandelnde Klangamöbe ist diese Musik. Auch die Spieler strahlen in der Langsamkeit, Ruhe und Gelassenheit aus, Blickkontakt ist weniger und seltener nötig als bei einem Streichquartett.

Der meditative Charakter der Musik ist prägend. Einige der Stücke waren an Originalen angelehnte – die Bezeichnung »Bearbeitung« trifft es beinahe nicht mehr, so stark wurden die Kompositionen von Bach, Schostakowitsch und Beethoven verändert. Im Gegenteil: Fast schien es, als kämen die Klänge aus einer Zwischenwelt, von daher, wo sie als Idee einst entstanden waren. Insofern war der Rahmen der Veranstaltungsreihe »musikzwischendenwelten« geradezu zwingend. Die aus der Gewöhnung gerissenen Klassiker überzeugten auch so mit viel musikalischen Reichtum, orphischen Gesängen. Für Gesänge ganz anderer Art sorgte Jan Heinke, der einige der Stücke mit Obertongesang begleitete. Sowenig das Stahlcello ein normales Cello ist, sowenig ist Oberton normaler Gesang. Auch er ist in Wesen und Charakter grundverschieden, wandelbar, klingt oft wie die Nachahmung eines Didgeridoos.

Bei gut der Hälfte der Stücke handelte es sich um Eigenkompositionen von Ensemblemitgliedern. Diese dezidiert für Stahlcelli geschriebenen Werke folgten dem sphärischen Klang, hatten auch sprechende (meditative) Namen wie »Garten der Steine«.

Jan Heinke führte das Publikum durch den Abend, aber eigentlich wäre es schöner gewesen, ein Programmheft zu haben und auf die Moderation sowie auf den Applaus zwischen den Stücken zu verzichten, den gerade letzterer zerstörte jedesmal die andächtige Ruhe.

Aber auch das kann man mit vier Stahlcelli: mit dem Handballen gedämpfte gegen den Rahmen schlagen und die Bleche direkt anstreichen, dann hallt es und kreischt etwas und erzeugt Klang auch jenseits der Musik, täuscht Eisenbahnlärm vor, von Tönen durchdrungen.

2. August 2015, Wolfram Quellmalz

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