Pianistischer Bildersturm

Varvara Nepomnyashaya zu Gast im Jagdschloß Graupa

Das Pianofortefest Meißen war ein weiteres Mal in den Richard-Wagner-Stätten Graupa zu Gast, diesmal mit der russischen Pianistin Varvara Nepomnyashaya, einer Schülerin des Bach-Preisträgers Evgeni Koroliov. (Sein Konzert auf der Wartburg haben die Neuen (musikalischen) Blätter ebenfalls besucht: https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2015/07/26/stuermisches-konzert/). Auf Ihr Programm hatte sie Werke der musikalisch verbandelten Romantiker Johannes Brahms und Robert Schumann sowie Modest Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung« gesetzt.

Johannes Brahms hat nicht nur Variationen über Themen Händels oder Paganinis geschrieben, sondern 1861 auch über ein eigenes. Dabei variiert er verhältnismäßig »streng«, bleibt, von Ausflügen in die Moll-Tonart abgesehen, stets in D-Dur. Insgesamt romantisch und lyrisch im Gestus, setzte sich Brahms auch hier mit der Musikvergangenheit und ihren Meistern auseinander, mit Kontrapunktik, rhythmisierte aber auch kunstvoll. Varvara Nepomnyashaya beherrschte diese Kniffe, spielte das Stück mit viel Elan und jugendlichem Sturm, mehr Lyrik und Feinsinn währen dennoch schöner gewesen. Die Pianistin zeigte sich aber nicht als permanent überlaute Tastenlöwin, sondern differenzierte und gestaltete durchaus. Den Sturm, den sie entfesselt, wußte sie auch wieder zu zügeln und zeigte dabei wahre Hexenmeisterkünste.

Schumanns dritte Sonate in f-Moll begann Varvara Nepomnyashaya geradezu mächtig, kehre aber auch die heiteren Seiten hervor und gestaltete im zweiten Satz eine subtile dunkle Begleitung. Das Scherzo endete mit untergründiger düsterer Melancholie. Das finale Prestissimo possibile beendete die Pianistin heftig, doch erntet man mit solch berstenden Interpretationen scheinbar stets herausgebrüllte »Bravi« – schade. Daß Varvara Nepomnyashaya auch anders kann, bewies sie immer wieder mit lyrisch gestalteten Passagen, die sie mit viel Zartgefühl zu spielen vermochte.

Nach der Pause erklangen dann Modest Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung«, ein Zyklus, der das Mächtige schon in sich trägt. Varvara Nepomnyashaya fand hier zu einer farbenreichen und blühenden Interpretation, allein die »Promenaden« waren von großer Unterschiedlichkeit, wobei sie auch nicht immer an ein geruhsames, kunstsinniges Promenieren erinnerten. Mussorgskys Werk zeichnet tatsächliche Bilder mit Klang nach, besonders bildmächtig gelangen der Pianistin »Das alte Schloß«, dem etwas von einer versunkenen Traumwelt anhaftete, aber auch Figurenzeichnungen voller Witz.

Nachdem Varvara Nepomnyashaya auf diese Art mächtig beeindruckt hatte, spielte sie dem begeisterten Publikum mit einem Auszug aus dem Nußknacker-Schneeflockenwalzer und Johannes Brahms‘ Walzer in As-Dur noch zwei Zugaben, die nun – vielleicht nach der Befreiung von der Pflicht-Last – eine zauberhafte, tänzerische und leichte Kür waren.

27. Juli 2015, Wolfram Quellmalz

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