Stürmisches Konzert

Evgeni Koroliov auf der Wartburg

Üblicherweise sind die Wartburgkonzerte im Rahmen des mdr-Musiksommers von Hitzegeprägt, wenigstens ist der Konzertbesucher nach dem Aufstieg auf die Burg etwas erhitzt. Diesmal sorgten überraschende Kühle und Sturmböen für ein Kontrastprogramm – die Sendung des Konzertmitschnittes am 9. August im Rahmen des ARD-Radiofestivals dürfte davon zeugen.

Zeugen wird sie aber auch von einem der großen Meister am Klavier. Evgeni Koroliov, 1949 in Moskau geboren, ist einer. Unter den früh errungenen Preisen ragen jene des Bach-Wettbewerbes Leipzig 1968 und des Clara-Haskil-Wettbewerbes 1977 heraus. Das Preisträgerkonzert 1968 hatte ihn damals übrigens auf die Wartburg geführt, nun kehrte er (gerne) zurück.

Evgeni Koroliov gehört zu jenen Pianisten, die durchsichtig zu werden scheinen, wenn sie hinter die Musik zurücktreten. Eine feine Ausdrucksweise ist sein Markenzeichen, das Schaffen von Bezügen auch zwischen den Werken. Insofern war es ein wenig schade, daß er, der in seinem Repertoire ausdrücklich Komponisten wie Ligeti und Messiaen ausweist, keine Werke dieser oder eines anderen modernen Komponisten spielte, sondern sich auf drei bewährte Klassiker verließ: vier Auszügen aus Bachs »Wohltemperiertem Klavier«, Beethovens vorletzter Sonate op. 110 sowie Schuberts ebenfalls vorletzter Sonate D 959. Dem vollbesetzten Saal auf der Wartburg wäre zumindest der Anspruch und die Erkenntnis eines »Ausreißers« zu wünschen gewesen.

Koroliov spielte zunächst die ersten beiden Präludien und Fugen aus dem ersten Teil des »Wohltemperierten Klavieres« sowie (aus dem gleichen Heft) die Nummern sieben und acht, also auch jene widersprüchliche Kombination von es-Moll-Präludium und dis-Moll-Fuge (sind doch sonst immer Paarungen einer Tonart zusammengefügt). Während er das einleitende und meistbekannte sowie -bearbeitete Präludium einen Hauch romantisierte – jedoch mit Maß – räumte der Pianist aber auch und vor allem der Klarheit der Struktur Raum ein. Einzeln perlten die Stimmen und Themen, jede Wiederholung hervor, und man hatte den Eindruck, einem Schöpfungsakt beizuwohnen. Schon hier erwies sich Evgeni Koroliov als versierter Gestalter, setzte Akzente in der Dynamik und durch variierte Tempi.

Auch bei Beethoven hatte die Musik Vorrang. Federleicht kam die ungewöhnlich gebaute As-Dur-Sonate daher, jugendlich beschwingt, begann der Pianist den ersten Satz als charmanter Plauderer, um gleich danach energischer zuzupacken. Beethoven pflanzte dem Werk manche Umkehr ein, zu inniger Umarmung, harmonischer Liedführung, aber auch zweimal zur Ordnung und Struktur der Fuge. Leider nicht ganz intonationssicher, lies Evgeni Koroliov diese Stimmungen aus dem Geiste Beethovens aber dennoch erblühen.

Feinsinnig und düster beladen schloß sich nach der Pause Schuberts A-Dur-Meisterwerk an. Evgeni Koroliov arbeitete die Herzstücke dieser Sonate vielgliedrig heraus, die Eintrübung des Allegros ebenso wie den neckenden Charakter des Scherzos. Dieser Schubert erblühte geradezu – dem Werk, im Todesjahr entstanden, war keine Todesahnung anzumerken.

Stürmisch war es allein draußen, wo Böen am Dach des Sängersaales rüttelten, drinnen saß ein ergriffenes Publikum, verharrte erst in Stille und dann in langem Applaus. Mit einer Rückkehr zu Schubert und einem abschließenden Moment musicaux bedankte sich Evgeni Koroliov.

26. Juli 2015, Wolfram Quellmalz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s