Faszinierendes Kammerspiel

»Die Verwandlung« am Schweriner Theater

Franz Kafka hat das Stück »Die Verwandlung« 1912 geschrieben, vor genau einhundert Jahren wurde der Text veröffentlicht. Die Neuen (musikalischen) Blätter haben zu diesem Anlaß eine Wiederaufnahme des Werkes in einer Bühnenadaption am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin besucht.

DAS STÜCK

Gregor Samsa, ein junger, noch bei seinen Eltern lebender Handlungsreisender, erwacht eines Morgens und stellt fest, daß er sich über Nacht in ein riesiges Insekt verwandelt hat. Dabei müßte er längst mit dem Zug unterwegs sein! Sein Ausbleiben wurde bereits bemerkt, und schon wenig später erscheint der Prokurist der Firma in der elterlichen Wohnung, um zu sehen, wo denn der Angestellte geblieben sei. Angewidert und ängstlich zieht er sich zurück, derweil die Eltern und die Schwester versuchen, die Lage »unter Kontrolle« zu halten, »die Sache« zu verbergen.

In Kafkas Text spiegeln sich die Angst vor Autorität ebenso wie Flucht und Selbstverleugnung. Nachdem die Familie, vor allem die Schwester, den verwandelten Gregor einige Zeit in seinem Zimmer verwahrt betreut hat, wird sein Sterben schließlich von allen – auch von ihm selbst – als Erlösung angesehen – man atmet befreit auf.

DIE SCHWERINER INSZENIERUNG

»Nach Franz Kafka« steht auf dem Programmzettel. (Andere Häuser gehen sorgloser mit den Autoren um, deren Stücke sie frei oder mit Veränderungen, in Neuübersetzungen spielen.) »Nach« bedeutet hier, daß es sich um ein reines Erzähler- und Einmannstück handelt, das sich aus der gerafften Nacherzählung und der (beinahe vollständigen) wörtlichen Wiedergabe des Buches zusammensetzt. Dabei legt Regisseur Markus Wünsch den Text psychologisch aus, öffnet die Interpretation dahingehend, daß Gregor Samsa gar nicht wirklich verwandelt ist, sondern sich in eine Wahnwelt flüchtet.

In einem dunklen Raum (Bühne und Kostüm: Franziska Just), den lediglich schwarze Vorhänge begrenzen, steht Jochen Fahr 75 Minuten lang allein und auf demselben Platz, bewegt sich nur etwas am Ort, erzählt, spricht mit verteilten Rollen. Er sieht selbst aus wie Kafka, wie man ihn von einem Photo aus dem Jahre 1905 kennt – mit Hut, Anzug, Weste, Krawatte.

Markus Wünsch hat den Umfang der Aktionen auf ein Minimum reduziert. So konzentriert sich der gesamte Handlungsablauf nicht nur auf Gregor Samsa, sondern ist auf nahezu ausschließlich auf Mimik und Gestik beschränkt. Dabei kommt ihm zu Hilfe, daß sich der Inhalt der Erzählung tatsächlich auf die Räumlichkeiten einer Wohnung beschränkt. Das Konzentrat dieser Inszenierung ist faszinierend: einerseits die Erzählung Jochen Fahrs, der nahezu pausenlos spricht, in verschiedene Rollen, also auch psychologische Zustände schlüpft und nebenher noch das »Drumherum« erzählt, andererseits aber mit einem Minimum an Aufwand eine Imaginationskraft entwickelt, die jeden Theaterbesucher vergessen läßt, daß dort gar kein Tisch ist, kein Sofa und keine Tür – es wird ja alles dargestellt!

»Die Verwandlung« am Theater Schwerin gelingt eindrucksvoll und packend, ohne daß der Ein-Mann-Akt vordergründig zum Kraft-Akt gerät. Da dürfte sich das Haus ebensogut besuchter Vorstellungen erfreuen wie die Schulen über das Angebot einer Kafka-Erfahrung außerhalb des Unterrichtes.

11. November 2015, Wolfram Quellmalz

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