Abschluß der Konzertreihe »Meister auf Flügeln«

Lieber mit Noten

Das auswendig Spielen oder Dirigieren wird überschätzt. Zumindest insofern, daß sich das Publikum von der Gedächtnisleistung beeindrucken läßt, ohne diese mit dem musikalischen Wert in Zusammenhang bringen zu können. In Sinfoniekonzerten oder bei Streichquartetten wiederum ist es vollkommen selbstverständlich, daß die Musiker Noten auf ihren Pulten liegen haben. Tatsächlich ist es so, daß das auswendig Spielen eine tiefe Bekanntschaft mit dem Werk, ein sich Befassen, voraussetzt, außerdem kann der Solist so freier agieren. Es hat also durchaus einen Einfluß auf das musikalische Ergebnis. Im Studium und bei Wettbewerben ist das auswendig Spielen als Kriterium also angebracht – aber auch da nicht immer. Im Konzert dagegen soll nicht überprüft werden, wie »hoch« ein Pianist »springen« kann, hier geht es einzig um musikalische Qualität. Im Zweifelsfall kann er bzw. sie also gerne seine (ihre) Noten mitbringen.

Insofern war die Ankündigung vor der Klaviermatinée von Susanne Grützmann in der Chemnitzer Stadthalle, daß die Pianistin etwas indisponiert sei und daher ausnahmsweise mit Noten spielen wolle, eigentlich nicht notwendig, und sie hätte besser daran getan, sich die Noten gleich aufs Pult zu legen. Denn schon zu Beginn von Beethovens »Waldsteinsonate« mußte Susanne Grützmann abbrechen und – nun nach dem Blatt – noch einmal beginnen – schade! Denn so ambivalent dramatisch-lieblich wie im ersten Anlauf gelang ihr die Wiederholung nicht. Einige Härten schlichen sich zunehmend in ihr Spiel, dennoch zeichnete die Pianistin gerade das Spannungsfeld des dramatisch vorwärtsdrängenden und des lieblichen besonders heraus. Den dritten Satz gestaltete sie dialogisch, bevor das Finale ein wenig atemlos geriet.

In Béla Bartóks Sonate Sz 80 dann entwickelte Susanne Grützmann mit großer Sicherheit einen Teufelstanz, von dem wir heute lebenden wissen, wohin er im zwanzigsten Jahrhundert schließlich noch führte, da uns die später folgenden Komponisten und Werke bekannt sind. »Skandalös« klingt Bartók für unsere Ohren nicht mehr. Kraftvoll und rhythmisch zeigte die Pianistin hier jede Menge folkloristisch und harmonisch gefärbten »Materials« auf.

Die Musik nach der Pause gehörte ganz den Schumanns – Claras Romanze h-Moll sowie Roberts Sinfonischen Étüden. Gerade hier zeigte sich die innige Verbundenheit der Pianistin mit den Werken, auch hier betonte bzw. beließ sie den schlichten liedhaften Ausdruck, ohne ihn zu überzeichnen oder zu verzerren, formte aus Schumanns Zyklus Charakterstudien. Das anspruchsvolle Finale gelang nicht vollends, kann aber durch eine kleine Unpäßlichkeit erklärt sein. Immerhin interessieren sich die Neuen (musikalischen) Blätter sowieso mehr für Ausdruckskraft und Klangfarben als für sportliche Virtuosität.

10. November 2015, Wolfram Quellmalz

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