Celia Fremlin »Der lange Schatten«
(Diese Rezension ist ein Originalbeitrag vom Februar 2025. Wegen eines technischen Fehlers ging die damalige Veröffentlichung auf unserer Seite verloren und wird hier reaktiviert.)
Schatten sind Teil der lichtlose Projektion, stehen für das Verdecken, Verberge und Belasten. Obwohl man an heißen Sommertagen im Schatten Kühle und Erfrischung finden kann, stehen sie sinnbildlich für etwas, was belastet – Tatsachen oder Dinge, die einen Schatten auf etwas werfen, es verdunkeln, ihm das Licht, die Farbe, den Glanz nehmen, es schlechter machen. Oder uns in den Schatten stellen.
Ist Ivor, der verstorbene Gatte, in Imogens Leben zu einem Schatten geworden (oder war er zuvor einer)? Oder ist er nicht – wie jeder verlorene Partner – ein Fehlstein, Verlust, der einen Menschen ohne ein Pendant, ohne sein gewohntes Korrektiv zurückläßt? Für Imogen beginnt die Aufarbeitung der Erinnerungen an Ivor mit einem Anruf an einem späten Abend. Nicht sein Fehlen scheint für sie im Vordergrund zu stehen, vielmehr ist es so, als würde sich das Fehlen aufdrängen, ihr in den Weg stellen, als stünde Ivor hinter einer Tür und würde Imogen immer wieder daran erinnern, daß er nicht mehr da sei und er ihr – der bestimmende Teil der einstigen Partnerschaft – doch fehlen müsse.
Leseprobe:
Doch so war es nicht immer gewesen. Noch vor Kurzem waren hier die Lichter so selbstverständlich erstrahlt, wie das Gras wuchs. Ivor schaltete nie irgendwo das Licht aus, er verabscheute solche Knauserei, und so hätte jetzt, zehn Uhr abends, zu seinen Lebzeiten jedes Fenster hell geleuchtet, das große Haus funkelnd wie ein Ozeanriese, der durch den Nachthimmel pflügt, mit Ivor am Ruder.
Kleine Ereignisse treten ein, die auf Ivor verweisen – ein Whiskeyglas neben seinem Lieblingssessel, in dem Imogen weder damals noch jetzt gesessen hat. Auch seine Gewohnheit, beim Lesen oder Studium von Aufsätzen abends Whiskey zu trinken, hat sie nicht übernommen – also woher kommt das Glas?
Imogens Umgebung scheint sie geradezu auf das Fehlen und Ivor hinzuweisen, gerade deshalb, weil alle so rücksichtsvoll sind, »das Thema« entweder aussparen oder versuchen, Imogen in ihrer Mitte aufzunehmen, damit die Witwe nicht allein ist. Oder ist diese Sichtweise übertrieben, ist Imogen überspannt?
Den Teufel hätte er getan! Für Ivors gewaltiges, unverwüstliches Ego wäre ewig das Mindeste gewesen. Er hätte es nur angemessen gefunden, dass Imogen auf ewig um ihn trauerte, ihn auf ewig vermisste – und nicht nur sie: neun, Studenten, Kollegen, Nachbarn, sogar seine früheren Frauen und Geliebten, alle zusammenhätten sich die Haare raufen, ihre Gewänder zerreißen und wehklagend auf seinen Scheiterhaufen werfen sollen.
Gerade in der Frage, die die Autorin nicht stellt, liegt der Reiz von »Der lange Schatten«. Celia Fremlin spielt mit kleinen Versatzstücken, Nebensächlichkeiten, Betonungen. Ja, daran könnte etwas sein – oder auch nicht. Der Gedanke, alte Geschichten ruhen zu lassen, sich etwas einzubilden, aus einer Mücke keinen Elephanten zu machen, kommt nicht nur Imogen in den Sinn (die sich dagegen wehrt), sondern auch ihrer Umgebung – und dem Leser. Denn Imogen, soviel ist bald klar, neigt auch dazu, Dinge unnötig kompliziert zu machen. Allein die Frage, ob sie auf eine Party gehen möchte oder nicht, und wenn ja, ob sie sich dort zu amüsieren gedenkt oder es – für alle sie umgebenden – doch wieder kompliziert macht, schwebt beständig durch Celia Fremlins Buch. Gerade weil sie aber weder konkret gestellt noch analytisch beantwortet wird, bleibt die Frage bestehen.
Sie erinnerte sich, wie kalt seine Wangen sich anzufühlen pflegten, wenn sie ihn küsste: eisig und zugleich durchwärmt von dem großen Wagnis. Und während sie ihm einen Kaffee kochte und ihm, wie er es so gern hatte, Vorwürfe wegen seiner feuchten Socken machte, erzählte er ihr, wie tief der Schnee gewesen war. Drei Fuß tief … vier Fuß. Am Tag darauf waren es dann mindestens fünf.
Sie sehnte sich nach seinem Geplauder, seiner Prahlerei, wie man sich nach der Sonne sehnt.
Partys sind also nichts (mehr) für Imogen, der ihr Spielpartner auf diesen Festen fehlt. Das macht sie aber auch zu einer fast widerborstigen, boshaften Teilnehmerin oder Gastgeberin. Eigentlich gäbe es gute Gründe, daß sich die Witwe von ihrem Mann befreit finden müßte – aber so ist es nicht, sie kann es nicht. Das »Denkmal«, das Ivor schon zu Lebzeiten war. bekommt langsam Risse. Oder ist Ivor am Ende gar nicht tot? Hat er Imogen im Stich gelassen, wegen einer anderen Frau verlassen oder sich versteckt, und kommt (nach Beendigung der Affaire) nun langsam zurück, versucht, sie mit kleinen Zeichen – dem zurückgelassenen Glas – zu irritieren?
Februar 2025, Wolfram Quellmalz
