Dresdner Musikfestspiele mit einem Quartett um Bill Murray beendet
Vor etwa zehn Jahren war die Idee entstanden, als sich Jan Vogler und der Schauspieler Bill Murray während eines Fluges kennenlernten, vor neun Jahren gab es im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele (DMF) den ersten musikalisch-literarischen Abend im damals neuen Konzertsaal des Kulturpalastes.
Seitdem ist das Projekt um die halbe Welt gezogen, wurde zum in Cannes präsentierten Film. Dresden war die erste Station, wohin »New worlds« zurückkehrte. Am Sonntag war es ein bunter Schlußpunkt der DMF – im Konzertsaal zog die Technik alle Farbregister von Nebelblau, Feuerrot bis zum Regenbogen, kurze Flackerirritationen inclusive.

Dabei hatte der Start, zwanzig Minuten verspätet und ohne Ansage von Gründen oder daß es gleich losgehe, noch gebremst gewirkt. Mit dem ersten Ton war die Stimmung allerdings hergestellt. Die meisten dürften letztlich Bill Murrays wegen gekommen sein – nichts gegen Jan Vogler, aber man erlebt ihn in Dresden eben doch öfter als den amerikanischen Schauspieler.
Murray kam auf die Bühne geschlakst, las und deklamierte; gerade in der schlendernden Monotonie lag Charme, eine Lockerheit, immer wieder von kurzen Bemerkungen unterbrochen, kleine verbale »Rempler« in Richtung Jan Vogler oder Notenumblätterin inclusive. Die robuste Art, dazwischenzugehen, der Balanceakt der Ironie, war unmißverständlich und geschah, ohne anzuecken. Es blieb auch nicht monoton blieb – für Ernest Hemingways »With pascin at the dôme« schlüpfte der Mime in den Dialog zweier höchst unterschiedlicher Stimmen.

Im wesentlichen bezog sich das Programm auf Eckpunkte wie vor neun Jahren. Teile aus einem Interview mit Hemingway, der gestanden hatte, zwar aus einer musikalischen Familie zu kommen, in der die Mutter und Geschwister Instrumente gespielt haben, er selbst aber für das Cello völlig unbegabt gewesen sei. Hemingways »Welt« lag eher in Paris und den Künstlern, die er dort traf.
Das Cello wurde nicht zum Cellomania-Zentrum, auch keine zwingende Brücke zum Festivalintendanten. Ohnehin stand auf der Bühne ja nicht Ernest Hemingway, sondern Bill Murray, dem die Rolle aber ausgezeichnet paßte. Daß es Wiederholungen und Überschneidungen gab, blieb letztlich unwesentlich – nach neun Jahren darf eine Neuauflage sein, zudem hatten Jan Vogler und seine Freunde schließlich Variationen eingeflochten. Manches war mit der Zeit außerdem gewachsen, authentischer geworden, wie James Fenimore Coopers Gedicht »The deerslayer« (Der Wildtöter), das Murray – zeitlich exakt abgestimmt – zum Andante un poco mosso aus Franz Schuberts Klaviertrio B-Dur las – der Komponist hatte in seinem letzten Brief um Werke Coopers gebeten, die ihn faszinierten.

Die Präzision bewies, wie genau das Programm, das so locker über die Bühne rollte, einstudiert worden war. Und natürlich las und kommentierte Bill Murray nicht nur, denn – darauf hatten viele gewartet – er sang, vor allem amerikanische Titel, Songs, wie von George Gershwin oder Leonard Bernstein. Mit einem Sakko oder Blazer in buntem Blütenmuster und Bernsteins »I feel pretty« setzte er dem noch eins drauf – was hätte wohl Helene Fischer dazu gesagt? Da gab es noch mehr Applaus als für die extrovertierte Interpretation von Van Morrisons »When will I ever learn to live god«.
Nicht ungesagt bleiben darf, daß Mira Wang und die Pianistin Vanessa Perez wieder mit von der Partie waren, vor allem Perez war beständiges Bindeglied und Impulsgeberin am Klavier. Mira Wang wiederum jagte dem Rezensenten einen Schrecken ein, als sie ihre Violine auf den Boden legte (!), um mit Bill Murray zu tanzen. Für einen Moment lag Joseph Joachims berühmte Stradivari auf der Bühne – wenn da einer draufgetreten wäre!

Das passierte natürlich nicht, denn die präsentierte Laxheit und Nonchalance war streng eingeübt. Und so folgte der Wechsel von Schostakowitsch (Allegro aus der Cellosonate d-Moll) zu Schubert nicht abrupt, sondern mit kurzer Moderation, in diesem Fall Murrays Dank an den »local boy« Jan Vogler. Klar, daß trotz verzögertem Beginn und bereits laufenden Fußballspiel der deutschen National-Elf kein schnelles Ende abzusehen war – fünf Zugaben mußten es sein.
16. Juni 2026, Wolfram Quellmalz