Wenn einer (noch) etwas zu sagen hat

Augustin Hadelich und Thomas Guggeis im Konzert mit der Sächsischen Staatskapelle

Die Absage von Dirigentin Marie Jacquot des 11. Sinfoniekonzerts der Sächsischen Staatskapelle war krankheitsbedingt notwendig, aber bedauerlich. Denn die Französin hat in verschiedenen Aufführungen (darunter eine sagenhafte Fassung von Poulencs »Dialogues des Carmélites« in der Semperoper) nicht nur eine vertrauensvolle Beziehung zum Orchester aufgebaut, sondern auch das Publikum für sich gewonnen. Zudem entfiel mit ihrer Absage das ursprünglich geplante Konzert für Orchester von Béla Bartók.

Immerhin hat sich Thomas Guggeis, der einsprang, nicht nur in einem Aufführungsabend, sondern mit einem ebenso dezidierten Konzert- und Opernrepertoire gleichfalls viel Vertrauen erworben und Antonín Dvořáks siebente Sinfonie ist (als Ersatz) immerhin eine andere als die vielgespielte Nummer acht oder die überstrapazierte »Aus der neuen Welt«.

Achtung, da geht’s lang! Dirigent Thomas Guggeis übernahm kurzfristig von Marie Jacquot, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Ohnehin gab es vorab ein Schwergewicht sinfonischer Ausmaße: Ludwig van Beethovens Violinkonzert D-Dur (Opus 61). Unabhängig von seiner Residenz bei der Dresdner Philharmonie 2024 / 25 war Augustin Hadelich schon mehrfach in Dresden zu Gast, und auch Beethovens solitäres Konzert hört man nicht gerade selten. Doch die Frage »Warum schon wieder?« kam am Sonntagmorgen in der Semperoper gar nicht auf. Einerseits, weil sich Werk und Solist einer ungebrochenen Beliebtheit erfreuen, andererseits, weil sie vom eingesprungenen Dirigenten zu einer Symbiose geführt wurden, die an Frische, Wagemut und Ausdruckskraft keine Wünsche offenließ!

Dabei stellt Beethoven das Publikum durchaus vor die Frage, ob da nicht auch ein Schicksal (viermal in diesem Fall) an die Türe pocht. Doch die Holzbläser verkündeten eine frohe Botschaft, die Streicher wiesen aufwärts – die lange Einleitung war von einem harmonischen Fluß geprägt – nicht Kraft oder Macht, sondern kantable Tragfähigkeit. Schwung statt Durchsetzung schien das Motto zu sein, das ebenso in Thomas Guggeis‘ beweglichen Gesten lag. Mag sein, daß weniger Bewegung genügt hätte – der Effekt, den er erreichte, rechtfertigte seine Ambition und förderte den Genuß.

Beethovens Glanzstück: Violinkonzert mit Augustin Hadelich, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Dieser konzentrierte sich zwar im Part des Solisten, aber nicht allein, auch nicht in einer dominierenden Stellung. Die Sächsische Staatskapelle umhüllte Augustin Hadelich in den Solopassagen piano oder kontrastierte ihn mit herrlichen Bläsern. Sanfte Pizzicati tupften das Bild zurecht – Frühlingssonate traf Frühlingssinfonie, folgte aus der Symbiose.

Leicht nahm es niemand – lieber das Fagott in der Satzpause korrigieren als einen Mißklang oder nur ein Quentchen fehlende Homogenität zu riskieren! Die Genauigkeit wurde belohnt, ließ das Larghetto geschmackvoll, mit klaren Konturen wachsen, das Rondeau an der Grenze zum Ungestüm frohlocken – ein sich kreuzendes Holzbläserquartett mit gut gestimmten Fagott eingeschlossen.

Augustin Hadelich hatte also in der soundsovielten Aufführung noch etwas zu sagen, wohl auch, weil er etwas zu suchen hatte. Die belebenden Kadenzen überragten nicht herausgestellt die übrigen Passagen, ein Austausch weit über den formalen musikalischen Dialog hinaus blieb im Mittelpunkt. Insofern paßte Hadelichs fast irritierend gewitzte Zugabe: im Gestus der Beethoven-Kadenz beginnend, schwenkte er auf Schumanns »Träumerei« um – ups!

Die Orchesterkollegen hören zu: Augustin Hadelich spielt die Zugabe, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Ein wenig Träumen durfte man danach immer noch, denn natürlich ist eine Dvořák-Sinfonie, selbst eine wiederholte, eine Ergötzlichkeit, wenn sie so durchdacht und authentisch serviert wird und ein so mildes Erwachen oder einen sinfonischen Morgen bietet wie hier.

Thomas Guggeis spannte den Bogen von volkstümlichen, mährischen Anklängen, die in artifizielle Motive mündeten, und konnte sich auf eine pointierte Solooboe (Céline Moinet) ebenso verlassen wie auf die Klarinette (Robert Oberaigner). Nachdem das Scherzo temperamentvoll wie Brahms durch die Semperoper gewirbelt war, krönte der Blechbläserchor das Finale.

15. Juni 2026, Wolfram Quellmalz

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