Der Cembalist Mahan Esfahani ist Residenzkünstler des Bachfestes Leipzig
Der Cembalist Mahan Esfahani hat sich nicht nur als Spezialist für Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts etabliert, sondern sondiert frühere Grenzen dieses Zeitbereiches ebenso, wie er experimentelle Formate schätzt und moderne Werke oder Uraufführungen (wie bei der Mitwirkung an Brett Deans Oper »Of one blood« imMai an der Bayerischen Staatsoper) auf seinem Instrument spielt. Nach Sachsen kam er mehrfach im Rahmen der Silbermann-Tage oder des Bachfestes Leipzig. In diesem Jahr hat er dort sogar eine Residenz inne. An Bachs Musik schätzt Esfahani den »Ausdruck menschlicher Vitalität und Energie, die in ihrer Zeitlosigkeit die meisten Fixierungen unserer Weltsicht überwindet«. Da Bach seine künstlerische Reife in Leipzig erreicht habe, sei die Aufführung der Clavier-Übungen gleichzeitig eine Verbeugung vor Leipzig.
Neben zwei Konzerten mit den Clavier-Übungen war Mahan Esfahani am Sonntag in einem erlesenen Programm (Sinfonie und Concerti von Johann Philipp Kirnberger, Johann Ludwig Krebs, Johann Georg Müthel und Johann Gottlieb Goldberg) mit dem Neuen Bachischen Collegium Musicum zu erleben. Mag darin die Festlichkeit und der Glanz des Cembalos einen Höhepunkt erfahren haben, so setzte der Tastenvirtuose am Montag ein entgegengesetztes Achtungszeichen, denn er wechselte auf das viel kleinere, vor allem leisere Clavichord in den Sommersaal des Bach-Museums.

Weil auch der Saal viel kleiner ist und sein muß (in einem Konzertsaal wäre das Clavichord verloren), spielte Mahan Esfahani sein Programm zwischen 19:30 Uhr und 24:00 Uhr viermal (!). Das Klangexperiment war gleichzeitig ein Bekenntnis zum Lieblingsinstrument Clavichord. Wo das Cembalo in Primärfarben spräche, flüstere das Clavichord in Pastelltönen, meinte der Musiker in einem Interview des Bachfestes.
Damit dieses Pastell wirke, bat Mahan Esfahani das Publikum, auf Applaus zu verzichten (oder nur durch Winken anzudeuten). Das war vielleicht übertrieben – am Ende hätte der Applaus doch gepaßt. Doch die Intention, dem leisen Clavichord keine lauten Geräusche entgegenzusetzen, war berechtigt. Ein lohnendes Ansinnen und eine Klangreise, denn anders als bei einer Vorführung im Instrumentenmuseum ist ein knapp einstündiges Konzert auf dem sensiblen Clavichord eine so einzigartige wie intensive Erfahrung!
In seiner Auswahl hatte Mahan Esfahani Titel zusammengestellt, wie sie die damaligen Virtuosen und Komponisten, Kenner und Liebhaber, bevorzugt hätten. Nicht herausgestellte Klangkunst oder zwangsläufig das neueste vom neuen hätten diese gewählt, sondern Stücke, die eine innere Saite anschlagen. Das öffnete das Repertoirefenster zu solchen Pretiosen wie Antonio de Cabezóns Diferencias sobre el canto llano del Caballero, das sich auf ein noch älteres Werk bezieht. Weich perlten die Akkorde aufwärts, der über die Tonhöhe veränderliche Klangcharakter sorgte aber auch für eine geheimnisvolle Grundstimmung – die Perlen waren nicht glänzend oder überspitzt wie beim Cembalo, sondern matt und innig, ein insgesamt intimer Charakter.

Das betonte Johann Jakob Frobergers Toccata in F (FbWV 110). Die sonst oft perkussive Form war gemildert, aber nicht im Sinne von »gebremst«, sondern vielmehr in der Phantasie beflügelt. Dennoch spürte man immer wieder den Cembalisten Esfahani, der den Anschlag dynamisch und temperamentvoll forcierte und mit dem Fuß stampfte. Dem Tombeau faît à Paris sur la mort de Monsieur Blancheroche in c (FbWV 632) fehlte danach ein wenig ein Nachhall oder Klang, wie ihn das Cembalo hat – vielleicht wäre das Stück dort besser aufgehoben oder hätte einer agogischen Anpassung bedurft, wie kürzeren Pausen, damit sich keine gefühlten »Lücken« ergeben?
Ganz bestimmt fühlten sich auf dem Clavichord Wilhelm Friedemann Bachs Fantasie e-Moll (Fk 21 / BR-WFB A 24) und Johann Sebastian Bachs Französische Suite Nr. 2 c-Moll (BWV 813.2) wohl. Letztere, zu der die meisten Zuhörer eine Referenz im Kopf gehabt haben dürften (wie mit einem anderen Bachfest-Künstler, András Schiff, auf dem Klavier), war ohnehin ein interessanter Klangvergleich. Dabei überraschte, daß nicht nur die »leisen« Sätze (Allemande, Sarabande), sondern gerade die grazil tänzerischen (Menuette, Gigue) gewannen.
Carl Philipp Emanuel Bachs Fantasie fis-Moll (Wq 67) schien in Terrassen und Flächen zu wachsen wie ein englischer Garten, durch dessen Pfade Mahan Esfahani wandelte. Eine Zugabe war formatbedingt verständlicherweise nicht vorgesehen, aber am Freitag spielt der Künstler noch einmal im Paulinum.
17. Juni 2026, Wolfram Quellmalz