Auf die Reise mit Bach

William Youn spielte die »Goldbergvariationen« in der Reihe Meisterwerke-Meisterinterpreten

Die kleine, aber feine Kammermusikreihe im Ballsaal des Hotels »Königshof« in Dresden-Strehlen begrüßt nicht nur regelmäßig Musiker der Sächsischen Staatskapelle oder Größen wie den Pianisten Peter Rösel, sondern findet auch Kontakt zu hochrangigen Musikern weit über die Region hinaus. So ist vor einigen Jahren unter anderem Nils Mönkemeyer einmal dagewesen. Damals gehörte William Youn mit zu seinen Kammermusikpartnern, am Sonntag war der Pianist nun für sein erstes Klavierkonzert zu Gast.

Bisher ist William Youn oft als Kammermusiker in Erscheinung getreten, mit Nils Mönkemeyer hat er Brahms aufgenommen, aber auch die CD »Mozart with Friedns«, wofür der Kreis um Julia Fischer und Sabine Meyer erweitert wurde. Mozart ist ein Dreh- und Angelpunkt für William Youn, von seinem vertieften Zugang zum Wiener Klassiker zeugen nicht nur die bisher erschienenen Aufnahmen.

Doch nun gab es Bach. Auslöser war die Anfrage eines Veranstalters, ob der Pianist nicht die »Goldbergvariationen« spielen würde. Für William Youn bedeutete dies – abgesehen von der Studienzeit selbstverständlich – die erste Annäherung an Bach im Konzertleben, die Aufführung in Strehlen war seine Premiere mit dem Variationswerk. Gerade erst am Vortage hatte der Autor dieser Zeilen mit einem Kollegen darüber »gefachsimpelt«, daß es in bezug auf den Zyklus zwei Wege gebe, die Variationen aufzufassen: man kann mit dem abschließenden da capo der Aria wieder am Ausgangspunkt ankommen, den Kreis also schließen, oder aber, einer Spirale folgend, den Ursprung in einem neuen Stadium finden. Auch William Youn sieht Bachs BWV 988 als Reise zu einem neuen Ort (also der »Spiralansatz«) und lud sein Publikum ein, ihm dabei zu folgen. Diese Reise würde ihn verändern, meinte der Pianist in seiner kurzen Einführung, das Ins-Werk-hineinfühlen und Ergründen gehört für Youn also dazu.

Die Suche war ihm durchaus noch anzumerken (was zugestanden werden soll, denn neben Studium, üben und Proben gehören Konzertauftritte dazu, wenn es gilt, ein neues Werk zu erarbeiten). Gerade in den flinken Passagen zauberte sich der Pianist über manche Läufe hinweg, wobei die filigrane Klarheit Bachs mitunter jedoch verlorenging. Gerade in den schnelleren Variationen neigte William Youn dazu, stark zu forcieren und die dynamische Palette auszudehnen, womit die von Bach eingewobene Leichtigkeit abhanden kam (Ouvertüre, Nr. 16), auch stellte er dieser flotten, etwas übermächtigen Gangart nicht im gleichen Maße bedächtiges gegenüber. Am Vermögen fehlt es ihm jedoch nicht, wie besonders die Canone alla Terz (Nr. 9), Nr. 13 und – sehr beschwingt – 19 bewiesen. Auch das alla breve der 22. Variation offenbarte einen besonders leichten, heiteren Charakter. Hier fanden Singstimme und Begleitbaß in wunderbarer Ausgewogenheit zueinander!

Mit der Wiederholung der Aria fand William Youn einen fein artikulierten Abschluß, ließ einen musikalischen Vorhang fallen, um schließlich doch noch die vom Publikum nachdrücklich geforderte Zugabe folgen zu lassen: das Adagio aus Mozarts Sonate Nr. 2.

27. Februar 2017, Wolfram Quellmalz

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