Voll Kraft und Spannung

Staatskapelle musiziert Olivier Messiaen und Gabriel Fauré zum Gedenktag

Das Requiem Gabriel Faurés hatte schon einmal (2008 unter der Leitung Sir Colin Davis‘) auf dem Programm gestanden, Olivier Messiaens »Les Offrandes oubliées« erklangen zum Gedenkkonzert das erste Mal. Am Pult der Staatskapelle stand ihr erster Gastdirigent Myung-Whun Chung, der mit Messiaen eng befreundet gewesen war.

»Les Offrandes oubliées« (»Die vergessenen Opfergaben«) ist ein sinfonisches Triptychon, dem Messiaen ein Gedicht mit den Strophen »Das Kreuz«, »Die Sünde« und »Das Abendmahl« vorangestellt hat. Der Komponist, der sich von Gregorianik ebenso wie von Gamelanmusik oder Vogelstimmen anregen ließ, setzt die Worte der Verse in konkrete Stimmungen der Musik um, wobei er das Orchester in verschiedenen Gruppen erklingen läßt. So beginnt »Das Kreuz« mit einem Fundament schwebender Streicher, über dem losgelöst Bläsergruppen erklingen. Die Maße von Takt und Tonalität löst Messiaen auf bzw. verschiebt ihre Grenzen, so daß ein endzeitlich scheinender Klangraum entsteht, Myung-Whun Chung und die Staatskapelle schufen hier ein konzentriertes, kraftvolles, meditatives »Bild«. »Die Sünde« flammte aus diesem Ort der Ruhe als apokalyptischer Tanz wild heraus, ohne jedoch in einem Höllenstrudel zu versinken. Myung-Whun Chung leitete das Orchester mit sparsamen, geradezu asketischen Gesten – eine Klarheit, die sich bis in die Gruppen der Streicher, Bläser oder Schlagwerker nachverfolgen ließ. Statt diabolischer Kakophonie schuf Chung differenzierte Klangbilder, deren Aneinanderreihung oder Deckung stets nachvollziehbar blieb – Messiaen als Erlebnis. Am eindrucksvollsten gelang der dritte Teil, der zunächst an das erste »Bild« anschließt, dann aber mit einem verklärten Motiv der Violinen und Violen Hoffnungsschimmer suggeriert, was sich gleichermaßen rein spirituell wie auf den Gedenktag bezogen deuten ließ.

Obwohl Gabriel Faurés Klangsprache eine ganz andere ist, verwendet auch er das gesamte Orchester nur selten, sondern erschafft und bestärkt Stimmungen durch besondere Klangschichtungen und -spiegelungen. Im Gegensatz zu Messiaen, der seinen Text nur im Druck erscheinen, aber nicht singen läßt, ist das Requiem für Chor und zwei Solisten geschrieben. Neben dem Staatsopernchor (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen) hatte die Staatskapelle die Sopranistin Patricia Petibon und den Bariton Adrian Eröd eingeladen.

Vor allem der Opernchor und Adrian Eröd fanden mit leisen, fast geflüsterten Passagen und ausgewogener Betonung zu einer Entsprechung des Textes, den der Bariton geschmeidig und voll Wärme interpretierte. Patricia Petibons Sopran war hier in den forcierten Verszeilen vernehmbar durchdringender, sie setzte dem aber berückend schlichte Piani entgegen. Und diese fanden sich ebenso in Chor und Orchester – verblüffend, mit welch reduziert wirkenden Fingerzeigen Chung hier wirkungsvollen Effekt erzielte. So ergab sich gerade aus der getragenen, leisen Musik größtmögliche Spannung und minutenlange Stille nach dem Schluß.

14. Februar 2017, Wolfram Quellmalz

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