Sanftmütige Eroberer

Herbert Blomstedt und Martin Helmchen beim Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle

Besonders feierlich geht es zuweilen in den Konzerten der Sächsischen Staatskapelle kurz vor Weihnachten zu. Egal, ob als Sonderkonzerte oder Sinfoniekonzerte – besondere Konzerte sind es doch allemal. George Prêtre beglückte hier vor einigen Jahren mit Schubert und Mahler, nun kam Herbert Blomstedt an die Elbe zurück. Mit beinahe 90 ½ wirkte er gar noch etwas frischer als bei seinem letzten Besuch im Sommer…

So oft Blomstedt mit zeitgenössischen oder skandinavischen Kompositionen im Gepäck anreist, kehrt der Ehrendirigent des Orchesters dennoch (natürlich) auch immer wieder mit den unverrückbaren Meilensteinen zurück. Gleichwohl ist sein Blick auf Bruckner, Beethoven, Mozart jedes Mal neu, hinterfragt er den aktuellen Stand der Musikforschung und hat seine persönliche Sicht auf die Werke nicht bei einem vermeintlichen »Endstand« eingefroren. (Man lese dazu einmal den Artikel »Blind gehört« im Concerti-Magazin vom Juli dieses Jahres, in dem Herbert Blomstedt einen erfrischend unbeschwerten Umgang mit eigenen Interpretationen und Aufnahmen beweist!)

Am Freitag und Sonnabend vor dem dritten Advent nun lenkte Blomstedt seinen Blick auf zwei Opus aus den späteren Schaffensjahren (was bezogen aufs Alter die mittleren hätten sein müssen!) Wolfgang Amadé Mozarts. Unter den Verzeichnisnummern 503 und 551 hat Ludwig von Köchel das fünfundzwanzigste Klavierkonzert und die »Jupiter-Sinfonie« eingetragen, beide in C-Dur. Aufrührerisch, aufklärerisch mag man sie hören – Funken aus Geist und Fortschritt hat ihnen Mozart wohl mitgegeben – diesen und vielen anderen seiner Werke…

Nur zwei Werke für den Abend, aber ausfüllend, erfüllend waren sie, ungemein beglückend! Mit Martin Helmchen saß im ersten Teil ein bedachter, sinniger Pianist am Flügel, der trotz des recht großen Altersunterschiedes schon seit vielen Jahren einer der Partner Herbert Blomstedts ist – bei Mozart trafen sie sich nicht zum ersten Mal. Doch zunächst hatte das Orchester das Wort, kernig, aufwühlend, golden, forsch – mit gleichem Gestus begann auch die Sinfonie im zweiten Teil. Alles war hier Singen und Melodie, selbst die Pauken tönten da mit, statt nur zu poltern. Gediegen schufen die Streicher die Grundlage, auf der sich Soloinstrument und Bläser erheben konnten (viel Feinsinn bewies einmal mehr Rozália Szabó / Flöte). Martin Helmchen zauberte seinen Part sanft aus dem Flügel hervor, ganz ohne protzige Effekte oder glimmende Brillanz – luftig, leicht, belebt schwangen sich die Motive auf, frei(zügig) durch die (wohl) eigene Kadenz, und fand im Orchester stets einen geistvollen Widerpart, aufgeschlossen und keck – Pathos? Von wegen!

Die Sanftmut behielten Solist und Orchester bei, trafen im Andante in einer geistvollen Plauderei aufeinander, aus der sie gemeinsam wieder hervorbrachen. Der Fortschritt war hier nicht unaufhaltsam und zerstörerisch, es war ein Aufbruch voller Licht und Leben! Und voll innerer Kraft und Ruhe, die Martin Helmchen in seiner Zugabe (Adagio aus der F-Dur-Sonate KV 332) noch einmal beschwor.

Und nun? Mag mancher gedacht haben – ein Feuerwerk. Auch hier jedoch kein krachendes, gleißendes, sondern ein brillantes, in Formen und Farben berückendes, elektrisierendes. Da mögen einige die »Jupiter« schon oft gehört haben – in diesem Album blättert man doch allzugern, vor allem, wenn es mit so kundiger Hand aufgeschlagen wird. Das Feuer verbrannte und verzehrte eben nicht, es erleuchtete mit Gediegenheit. Herbert Blomstedts Gesten waren freundlich wie immer, als lade er zum Musizieren ein, um dann im Menuetto. Allegretto mit dem Echo der Blechbläser zu erfrischen. Dieses »Menuett« war kein bißchen althergebracht!

16. Dezember 2017, Wolfram Quellmalz

Tip: MDR Kultur sendet die Konzertaufzeichnung am 26. Dezember um 20:05 Uhr.

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