Insula Orchestra bei den Dresdner Musikfestspielen in der Frauenkirche
Wolfgang Amadé Mozart war mit den Proben und Aufführungen seiner Sinfonien (wie der »Pariser« KV 297) in Paris nur bedingt zufrieden. Vielleicht, weil seine Erfahrungen direkt zuvor in Mannheim so anders gewesen waren. Zudem dürfte das riesige Pariser Orchester (über 50 Violinen!) selbst für ihn ungewohnt gewesen sein. Mehr Freude hätte er wohl am Mittwochabend in der Dresdner Frauenkirche gehabt. Zwar nicht riesig, aber deutlich größer als ein kleines Originalklangensemble spielte das Insula Orchestra unter der Leitung von Laurence Equilbey mit immerhin 30 Streichern, alle Bläser waren doppelt besetzt. Was sie gemeinsam hervorbrachten, konnte Freunde der Historischen Aufführungspraxis (das Konzert gehörte zur Reihe »Originalklang«) ebenso überzeugen wie jene, welche die Sinfonik unserer Tage bevorzugen. Stimmung, Tonalität und vor allem Homogenität verfügten über Glätte und Eleganz – selbst die Naturhörner (Georg Koehler und Gilbert Cami-Farras), die spätestens durch das notwendige »Stopfen«, um die Tonhöhe zu regulieren, den Klangcharakter ändern und für den ungewohnten Hörer schnell »herausstechen«, blieben darin eingeschlossen.
Dem Klarinettenkonzert (KV 622) von Wolfgang Amadé Mozart war dessen »Katalogschwester« vorangestellt. Die Oper »La clemenza di Tito« ist im Köchel-Verzeichnis unter Nr. 621 eingetragen, die luftige Ouvertüre gab es zur Einstimmung. Laurence Equilbey nahm schon hier Rücksicht auf den Raum, vor allem den Nachhall, und ließ dem Klang entsprechend Zeit.
Mit dem Klarinettisten Pierre Génisson gab es danach für viele eine neue Erfahrung, denn er spielte ein historisches Instrument bzw. den Nachbau einer Bassettklarinette. Und die fiel schon optisch wegen ihres mehrfach abgewinkelten Rohres sowie des Schaltrichters auf. Zudem ändert sich der Charakter des Tones. »Oben« klingt die Klarinette besonders hell und singend, »unten« verfügt sie über einen hervortretenden Baß, während die Mittellage etwas unscheinbarer wirkt. Pierre Génisson spielte mit diesen Eigenschaften gekonnt, um seinen Part zu betonen oder sich »ins Orchester zurückzuziehen«. Das berühmte Adagio wuchs zum Duett, denn die Kantabilität erstreckt sich eben auf Ober- und Baßstimme seines Instruments. Angenehm war, daß die Klarinette nicht so durchdringend schien wie sonst oft, auch fielen die Dialoge oder Antworten (Fagott) aus dem Orchester pointierter aus.
Mit der Sinfonie Nr. 39 (KV 543) blieb Laurence Equilbey bei Mozart und ließ es nach der geschmeidigen Gediegenheit nun richtig funkeln. Jetzt wurde die typisch historische »Kantigkeit« deutlicher, auf das schwebende Andante con moto folgte ein tänzerisch ausgezirkeltes Menuett e Trio. Im Allegro schienen die Sterne mit dem Gold des Kircheninnenraumes um die Wette zu blinken. Davon hätte es noch etwas mehr sein dürfen – durfte es auch mit einem beseelten Ausschnitt aus Sinfonie Nr. 25 (con brio, K 183).
Der Kirchenraum ist für Originalklangorchester wie Insula fast perfekt. Vielleicht gehen die Musikfestspiele einst noch einen Schritt weiter und lassen sie im Palais im Großen Garten spielen?
25. Mai 2023, Wolfram Quellmalz
Solch anregende Hörerfahrung verlangt unbedingt nach zwei Buchempfehlungen für den Sommer: Der ehemalige Jazzmusiker Christian Gailly hat mit »KV 622« einen köstlich unterhaltsamen Musikroman geschrieben. Er entführt uns nach Paris zu einem etwas chaotischen Musikfreund, der erst die richtige Aufnahme, dann die passende Hemdschleife, aber vielleicht auch die richtige Frau sucht.
Vielleicht noch wichtiger: Die Autorin Léonor de Récondo ist im Hauptberuf Musikerin und spielte am Mittwoch im Insula Orchestra Violine. Der Rezensent legt den Lesern ihr Buch »Amours« ans Herz: Die junge Victoire wird 1908 mit dem Notar Anselme Boisvaillant verheiratet. Man erwartet von ihr ein Kind und daß sie sich fügt, während ihr Mann scheinbar alle Freiheiten hat und ausnutzt. Anders als in vielen Romanen, die solche Themen aufgreifen, schildert Léonor de Récondo die Geschichte nicht »mit dem Wissen von heute« und bewertet sie auch nicht. Im Gegenteil – sie bleibt differenziert und auch verständnisvoll für Anselme. Ihre Geschichte entwickelt nicht nur im Moment, da zwei Frauen nach Paris reisen und im »Maxim’s« Champagner trinken und Pommes frittes (!) knabbern, einen ungeheuren Zauber.

Christian Gailly »KV 622«, Roman, 144 Seiten, Berlin Verlag
Léonor de Récondo »Amours«, Roman, Deutsch von Isabel Kupski, 240 Seiten, Dörlemann