Sanfte Eroberer

Roderick Cox und Andreas Ehelebe sorgen für besonderen Aufführungsabend der Sächsischen Staatskapelle

Zum Saisonabschluß lotete die Sächsische Staatskapelle noch einmal in ihren Repertoiretiefen, fand ein exotisches Kleinod des 19. Jahrhunderts sowie eines aus dem 20., das vom Aufbruch erzählte, und folgte Johannes Brahms auf den nicht weniger experimentellen Spuren zwischen Harmoniemusik und Sinfonie.

Giovanni Bottesinis zweites Konzert für Kontrabaß und Orchester mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Solist: Andreas Ehelebe, Dirigent: Roderick Cox, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Markenfotografie

Aaron Coplands Suite »Appalachian spring« liegt keine naturalistische Frühlingsbeschreibung zugrunde – als Ballett berichtet die Musik eine Geschichte der Siedler in den Appalachen. Das Narrativ ist in der aus dem Ballett gewonnenen Suite erhalten geblieben, kann viele Bilder imaginieren. Vom Wachsen und Erwachen, von zarten Pflänzchen, der Munterkeit des Quellwassers etwa. In die Musik scheint eine Friedfertigkeit der Siedler eingeschlossen – vielleicht ein Ausdruck für jene Quäker, die sich einst in Pennsylvania niedergelassen haben? Was am Freitag in der Semperoper den Ausdruck unterstrich, war die große Ausgewogenheit, das ruhige Fließen meist tänzerisch gebliebener Sätze, die Roderick Cox elegant bis zum majestätischen Schluß verband. Zwischendrin schien sich (dritter Satz) Schostakowitschs Wehmut einen Weg zu bahnen. Es lag nicht allein an den sauberen und großartig eingebundenen Soli von Konzertmeister Federico Kasik und den Bläsern, wenn diese Aufführung andere – die Suite gehört zu Coplands meistgespielten Stücken – überragte.

»Überragen« bedeutet gar nicht »Welten«. Meist sind es Nuancen, Quentchen, Feinheiten, die den Unterschied ausmachen. Wie in Giovanni Bottesinis zweitem Kontrabaßkonzert. Solist Andreas Ehelebe, Solokontrabassist der Sächsischen Staatskapelle, spielte die kantablen Stärken seines Instruments aus, konzentrierte sich auf Phrasierung und Ausdruck. Seine Kapellkollegen umschlossen ihn dabei mit einem sagenhaften Orchesterpiano, das manchmal eher spür- als hörbar wurde. Statt sportive oder zirzensische Attribute zu betonen, brachte der warme Klang den musikalischen Sinn des Stücks zur Geltung. An Dramatik hat es Bottesini aber keineswegs fehlen lassen, auch fordert er die Virtuosität des Solisten, die sich im dritten Satz entladen durfte: halsbrecherisch in Tempi und Sprüngen legte Andreas Ehelebe los – die Stufen, Leitern und Schleifen durchmaßen die natürliche Tonskala, um unmittelbar ins Flageolett zu rasen. Das von Roderick Cox leichtfüßig geführte Orchester wahrte den fast tänzerischen Stil.

Der blieb in Johannes Brahms zweiter Serenade, in der – nun ohne Violinen – Sebastian Herberg (Viola) die Position des Konzertmeisters übernahm. Roderick Cox sorgte bis zum Ende für eine mustergültige Balance. Rhythmisch und in der Dynamik stattet er die Serenade fein und sinnig aus, was aber nicht verhehlen konnte, daß ihm für die Dramatik, manche Kontrastüberhöhung und vor allem die Tiefe (Adagio) noch ein wenig die Raffinesse oder Spannkraft fehlte – die dürfte er nach dem sonst geglückten Auftakt bald finden.

Nur beim Verlassen der Semperoper hätte man besser den Hintereingang wählen sollen. Gegenüber im einstigen »Italienischen Dörfchen« hat sich eine Ballermann-Disco niedergelassen, die den Theaterplatz in unmittelbarer Nachbarschaft der Hofkirche bedröhnt. Da drängt sich der Gedanke auf, was fragwürdiger ist: so etwas an diesem Ort zu veranstalten oder es zu erlauben?

15. Juli 2023, Wolfram Quellmalz

CD-Tip: Aaron Copland »Father Copland«, enthält: Appalachian Spring-Suite, Klarinettenkonzert, Quiet City-Suite, mit Sebastian Manz (Klarinette), Celine Moinet (Oboe), Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Dirigent: Case Scaglione, erschienen bei Berlin Classics

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