»Man kann schon Orgel spielen, bevor man Auto fahren darf!«

Jean-Christophe Geiser bei Dresdner Orgelzyklus

Die »Organistenlandschaft« ist mindestens so vielseitig und spannend wie jene der Instrumente, das zeigte sich gestern wieder einmal in der Dresdner Kreuzkirche. Will heißen: Nicht nur die Personen sind individuell, ihre Wege zur Orgel unterscheiden sich ebenso, hinzu kommt die Aufgabenvielfalt der Stelle, also um das jeweilige Instrument herum. Jean-Christophe Geiser ist an der Kathedrale Lausanne zu Hause und spielt dort nicht nur eine der größten Orgeln der Schweiz, sondern auch eine der spektakulärsten. Erst um die Jahrtausendwende wurde sie entworfen und gebaut und ersetzte das traditionelle Instrument der Firma Kuhn. Daß dabei der Industriedesigner Giugiaro beteiligt war, der vor allem in den siebziger Jahren mit Autos wie dem VW Golf I und dem Lotus Esprit berühmt wurde, sorgte ebenso für Aufmerksamkeit (oder Aufhebens) wie die Tatsache, daß die Ausschreibung an einen amerikanischen Orgelbauer (C. B. Fisk aus Boston) ging und nicht an einen europäischen. Übrigens hat Giugiaro neben einer großen Anzahl an Fahrzeugen (Autos, Züge, Traktoren) auch Kameras entworfen sowie eine Motorsäge – der französische Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll machte als junger Mann mit seinem handwerklichen Können auf sich aufmerksam, als er ein Patent zur Verbesserung der Kreissäge anmeldete (1833 bei der Académie des Sciences, Inscriptions et Belles-Lettres eingereicht). Aber das nur nebenbei …

Jean-Christophe Geiser und Holger Gehring im »Gespräch unter der Stehlampe«, Photo: NMB

In Lausanne wollte man mit dem neuen Instrument, das de facto vier Instrumente sind, vier Stile abbilden können: jene der Bauarten Schnitger (norddeutsch-barock), Clicquot (altfranzösisch), Cavaillé-Coll (französisch-symphonisch) und Ladegast (deutsch-romantisch) – Stimmung und Intonation der vier Teilorgeln sind daher so unterschiedlich, daß sie weder gleichzeitig zusammen klingen können noch sollen.

In Dresden sind die Voraussetzungen ganz anders, die Jehmlich-Orgel der Kreuzkirche gehört zu den vielseitigsten Instrumenten überhaupt und läßt es zu, verschiedene Stile zu übertragen. Jean-Christophe Geiser hatte sich für ein Programm entschieden, daß einerseits Komponisten oder Werke in Blöcken zusammenfaßte, andererseits durch die Zeit ging. Die Reise begann bei Bach und der Bearbeitung des Vivaldi-Concertos Opus 3 Nr. 8. Am Beginn kurz mit dem hohen Tempo noch leicht verschwommen , entwickelte sich bald die bei Vivaldi gewohnte Filigranität (bzw. jene, die den Violinen zu eigen ist). Das fallende Motiv im Allegro wirkte erfrischend – sonst sind Abwärtstonleitern oft mit einem Sturz oder aber mit einer (von oben kommenden) Himmelsgabe verbunden, wie wir es aus der Weihnachtszeit kennen (Mendelssohn: Choralkantate »Vom Himmel hoch«, Bach: Anfang des Weihnachtsoratoriums). Es zeigte sich: man darf sich auch im Sommer derart erquicken!

Noch gelungener war das folgende Praeludium und Fuge e-Moll (BWV 548), in das Jean-Christophe Geiser das Choralvorspiel »Erbarme Dich mein, O Herre Gott« (BWV 721) einschob, womit er einen Moment des Verweilens anbot.

Von hier ging es mit Guy Ropartz‘ Prélude funèbre ins französische Repertoire, Farben und Stimmungen gewannen nun an Bedeutung, schwebend und leicht schien das einem schweren Thema zugeordnete Stück. Der Kontrast zum nächsten schien hoch: Louis-James-Alfred Lefébure-Wélys Boléro de concert war völlig andersgeartet, aber eine durchaus erquickende Unterhaltungsmusik. Dabei hatten sich Jean-Christophe Geiser und Kreuzorganist Holger Gehring im Gespräch vorab bereits unterhalten, daß Lefébure-Wélys Kompositionen im allgemeinen als etwas trivial (wenn nicht schlimmer) gelten und mitunter belächelt werden. Der Boléro ist also eines der besseren – durchaus virtuos und effektvoll lockerte er die Stimmung auf, konnte den Eindruck von Jahrmarktsmusik aber nicht ganz abstreifen.

Das mußte er auch nicht, schließlich sind gerade die Internationalen Dresdner Orgelwochen, zu denen das Konzert zählte, für derlei Experimente offen. Und was folgte, konnte hinsichtlich Klangschönheit und Orgelkunst jede Erwartung erfüllen: Mit drei Pièces von Louis Vierne gab es einen farbenreichen, hochwertigen Ausklang: Vierne hatte verschiedene Carillon (Glockenspiele) in seinen Stücken verarbeitet (etwa jenes von Longpont). Jean-Christophe Geiser spielte eines davon, aus den Pièces en style libre, ein weiteres Prélude aus demselben Buch sowie das wohl berühmteste der Carillon: de Westminster (aus Pièces de Fantaisie).

Und auch die Zugabe schien ein Glockenmotiv zu enthalten: noch einmal Vierne, diesmal aber die Berceuse (aus Pièces en style libre).

27. Juli 2023, Wolfram Quellmalz

In der kommenden Woche spielt Roberto Marini (Rom) im Rahmen der Internationalen Dresdner Orgelwochen an der Kern-Orgel der Dresdner Frauenkirche Werke von Max Reger, eine Woche später ist Karol Maciej Szymanowski (Gdańsk) in der Kreuzkirche zu Gast.

https://www.frauenkirche-dresden.de

https://www.kreuzkirche-dresden.de

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