Farbenprächtiges Weltengetümmel

Haydns »Schöpfung« mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester

Es hat schon Vorteile, wenn eine Partnerschaft über viele Jahre gepflegt wird. Denn die Leipziger Gäste gestern im Dresdner Kulturpalast, der Thomanerchor und das Gewandhausorchester, musizieren regelmäßig gemeinsam. Also nicht nur »mit Musikern des Gewandhausorchesters« in einer der Leipziger Hauptkirchen, sondern auch mit dem großen Orchesterverbund. Thomaskantor Andreas Reize gehört seit bald drei Jahren zu dieser Partnerschaft.

Insofern überraschte es also nicht, wenn es ihm beim Koordinieren der Stimmen offenbar keine Mühe bereitete, dieselben geradezu plastisch hervortreten zu lassen. Schon der Beginn – wie oft haben die NMB festgestellt, daß Haydns »Chaos« im Grunde doch eigentlich zu schön ist? – ließ aufhorchen, denn der Kristallisation des Ursprungs wohnte diesmal ein besonderes Prickeln inne – Rauhheiten eingeschlossen, die wohl vom historischen Bewußtsein herrühren, mit dem auch das Gewandhausorchester zu musizieren versteht. Vom Plateau dieses Chaos‘ konnten sich Elemente, Tage und Tiere entwickeln und schließlich der Mensch die Bühne betreten. Zunächst aber wurde es natürlich Licht – was in Worte gesetzt war, fand sich hier instrumental glänzend, aufschimmernd wieder. Diese Illustrationen waren höchst eindrucksvoll, denn sie verweilten nicht beim Licht, – das Aufblitzen der Sterne (Bläser) wie das Wogen und Strömen der Meere (Streicher) hört man selten so beeindruckend. Mit der Herausbildung der Tierarten wurde es noch illustrativer, ja unterhaltsam. Haydns »Die Schöpfung« ist eindeutig ein weltliches Oratorium und nutzt die Stimmen gerade der Holzbläser (von den flötenden Vögeln bis zu den Klarinetten, die sich nur wenige Jahre zuvor mit Freund Mozart erst etabliert hatten), während die Blechbläser das größere Getön auslösten bis hin zum Löwengebrüll (Posaunen). Man könnte meinen, Camille Saint-Saëns habe »Die Schöpfung« auf eine Idee gebracht …

Michaela Hasselt gehört übrigens ebenso schon lange zum Verbund von Thomanern und Gewandhausorchester. Als Dozentin und kundige Expertin für historische Tasteninstrumente weiß sie ein Cembalo oder – wie gestern – einen Hammerflügel in Szene zu setzen und zum Kolorit einer Aufführung beizutragen. Somit unterstützte sie nicht nur die rezitativischen Sängerpassagen, sondern trug auch zur dramatischen Tiefe der See bei. Vom bloßen, feststehenden Continuo hatte sich Haydn deutlich entfernt.

Die Thomaner als Hauptbeteiligte konnten sich in Dresden über eine Vielzahl wissender, ahnender Ohren freuen, denn nicht nur Kreuzkantor Martin Lehmann, sein Assistent Richard Stier und eine Zahl von Kruzianern ließen es sich nicht nehmen, die Leipziger Kollegen zu hören. Was sie geboten bekamen, durfte sich denn auch hören lassen, von der Homogenität und Geschlossenheit bis zu den malerischen Ausgestaltungen und der Wortverständlichkeit. Nicht zu vergessen versetzten Stimmen und Chorfugen, mit denen Haydn nicht allein Höhepunkte schuf, sondern verschiedene Konklusionen formulierte, in Etappen in die neugeschaffene Welt.

Johann Peter Wenzel »Adam und Eva im Paradies« (Ölfarbe auf Leinwand, 247 x 336 cm, zwischen 1800 und 1829), Bildquelle: Vatikanische Pinakothek (Inv. 41266)

Im Grunde war die Schöpfung (als Akt) ja bereits nach dem zweiten Teil (Erschaffung des Menschen) vollzogen – die Erzählung Adams und Evas setzt sie noch in einer Art Postludium fort. Sehr passend zum illustrativen, ansprechenden Charakter fügte sich das Solistentrio mit Samantha Gaul (Sopran), Kieran Carrel (Tenor) und Dominik Wörner (Baß), das für die Schlußfuge noch um einen Altus (Jascha) aus dem Chor zum Quartett erweitert wurde, ins Gesamtbild. Samantha Gaul gefiel vor allem mit ihrem blühenden Sopran, der bei Steigerungen sowohl in der Tonhöhe als auch dynamisch mit Vibrato forcieren konnte. Dominik Wörner suchte eine fast extreme Gestaltung, weshalb man ihn in den Piani teilweise fast nicht mehr hören konnte – Andreas Reize zügelte aber das Orchester und stellte die Balance jederzeit wieder her. Noch einen »Tick« übertrumpfte die beiden Kieran Carrel, der seiner Rolle noch »evangelistische« Nuancen hinzufügte. Einen Evangelisten freilich gibt es bei Haydn nicht. Vielmehr schlüpfen alle drei als Gabriel, Raphael und Uriel in die Rolle beteiligter Erzähler, also solcher, die nicht nur ein historisches Geschehen schildern, sondern die selbst dabeigewesen sind (wie auch Adam und Eva im dritten Teil).

18. März 2024, Wolfram Quellmalz

Die Thomaner sind nahezu wöchentlich in der »Motette« der Leipziger Thomaskirche zu erleben und haben wie ihre Dresdner Kollegen ein umfangreiches Passions-und Osterprogramm vor sich.

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