Harfenist Markus Folker Thalheimer überrascht mit der Vielsaitigkeit der Harfe
Die Harfe ist seit jeher ein Instrument des Gesangs – nicht nur Engel, Orpheus höchstpersönlich sang zu Harfenbegleitung. Was liegt da näher, als ihre Ausdrucksmöglichkeiten mit dem Gesang zu vergleichen? Andererseits werden ihre Saiten »geschlagen«, was die Gegenüberstellung mit einer Laute oder einem Klavier nahelegt – beides ebenfalls typische Begleitinstrumente. Doch die Harfe kann auch ganz allein singen und äolische Klänge erzeugen.
»Durezza e Ligatura«, so der Titel von Markus Folker Thalheimers CD, beschreibt zwei wesentliche Attribute, welche Musik über die reinen Notenwerte hinaus charakterisieren: Die Härte ist für einen klaren Klang verantwortlich, der sogar »kantig« wirken kann. Durezza trägt zum Beispiel dazu bei, Töne zu trennen. Der Begriff Ligatura meint dagegen gerade das verbinden oder Verschmelzung von Tönen (wie die Ligatur von Vokalen im Schriftbild). Handelt es sich bei »Durezza e Ligatura« also um Gegensätze?
Gleich das erste Stück der Aufnahme überrascht, meint man doch, einen typischen Klavierakkord zu hören. Sogleich aber vermeldet das Ohr, daß es eine Harfe ist, die da klingt. Die nächste Überraschung gibt es beim Blick ins Beiheft: Ascanio Mayone, dessen Toccata wir hier hören, war an der Basilica della Santissima Annunziata Maggiore in Neapel als Maestro di cappella tätig und spielte dort vor allem Orgel und – Harfe. Also ein Original? Fast – Harfenist Markus Folker Thalheimer hat für seine Debut-CD die meisten Werke bearbeitet oder so wie hier transponiert. Dabei ist ihm weit mehr gelungen, als die Stücke nur passend für sich einzurichten. Vielmehr kann die Titelfolge insgesamt überzeugen, ist fließend und stimmig, unabhängig davon, ob der Hörer selbst ein Instrument spielen kann oder um die Herausforderungen einer Harfe weiß.
Im Verlauf kehrt Markus Folker Thalheimer zu Ascanio Mayone zurück, präsentiert mit Marcel Tourniers Sonatine unter anderem das Werk eines der berühmtesten Harfenisten der Musikgeschichte und schließt Johann Sebastian Bachs Lautensuite e-Moll (BWV 996) mit ein.
Der ausgewiesene Pianist Enrique Granados wiederum ist ein Vertreter der Musik bis ins zwanzigste Jahrhundert. Valses poeticos ist das vielleicht populärste Stück auf der CD und sorgsam ins Programm integriert.
»Durezza e Ligatura« schafft damit genau den »Sprung«, den der Titel zu versprechen scheint: die Eleganz und Verbindlichkeit der Legatobögen wird nicht gebrochen, dennoch wechselt der Charakter der Musik beständig. Unterschiedliche Momente dramatischer Betonung stehen ruhiger Kontemplation gegenüber, weshalb die Spannung in beiden Fällen erhalten bleibt. Also: weniger »chillen«, aber bewußtes Entspannen und Genießen auch bei den ruhigen Stücken.
Es bleibt bei den Überraschungen, weil hinter jeder musikalischen »Kurve« etwas passiert. So folgt auf den leichtfüßig tänzelnden Valses poeticos eine weitere Toccata von Ascanio Mayone, die nicht lautstark appelliert, sondern sanft fokussiert – der Neapolitaner bleibt für den Rezensenten die interessanteste Entdeckung der Aufnahme.
Mit der sprudelnden Sonatine Marcel Tourniers belebt sich die Musik erneut und scheint (das Werk wurde 1924 veröffentlicht) die offene, freizügigen Vorzüge des Impressionismus zu preisen, bevor die letzte Überraschung und Entdeckung, Alonso Mudarras Tiento (spanisch für betasten) die sanfte Form der Toccata offenbart.
März 2024, Wolfram Quellmalz
