Passion mit viel Applaus

Dresdner Kapellknaben mit Bachs Johannes-Passion

Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion (BWV 245) feiert Anfang April ihren 300. Geburtstag. Das Jubiläum allein wäre schon Wert, gewürdigt zu werden. Doch während für andere (Knaben)chöre Bachs Passionen fest ins jährliche Repertoire gehören, ist das Programm der Dresdner Kapellknaben an der Katholischen Hofkirche (Kathedrale) in der Vor- und Osterzeit jeweils ein anderes. So kam es, daß die Kapellknaben am Sonnabend erstmalig in ihrer 315jährigen Geschichte die Johannes-Passion in ihrem Hause aufführten – ein historischer Moment, wie Domkapellmeister Christian Bonath feststellte, um sogleich über die Applausfrage zu entscheiden: wegen des positiven, freudigen Schlußchorals dürfe das Publikum nach einer angemessenen Andachtsstille gerne applaudieren – da waren manche verblüfft, ist solche »Praxis« im Zusammenhang mit den Passionen doch keineswegs üblich.

Dresdner Hofkirche, Photo: © Heinz-Josef Lücking, Bildquelle: Wikimedia commons

Dabei war es durchaus kein reines Konzert, sondern folgte einer dezidierten Liturgie, welche die Johannes-Passion an drei Stellen für eine Andacht unterbrach, wobei schrittweise das Kreuz verhüllt wurde. So sollte zudem der Termin, der Beginn der Passionszeit vor dem 5. Fastensonntag, konkreter gefaßt werden, wie das Vorwort auswies.

Christian Bonath überraschte aber auch mit seiner Besetzung, denn er übergab Solisten aus dem Chor nicht nur kleinere Rollen wie Knecht oder Magd, sondern außerdem die beiden großen Sopran-Arien (Jakob Klein und Leander Gaßmann) – ein schweres Gewicht für die jungen Schultern! Für die Alt-Partie hatte er sich für Jonathan Mayenschein entschieden, der – selbst über Knabenchorerfahrung verfügend – schon oft als Altus zu erleben war. Freilich ist der Alt in einer Passion noch einmal etwas Besonderes. Jonathan Mayenschein stattete bereits »Von den Stricken meiner Sünden« emotional aus, später steigerte er dies noch eindrucksvoll in »Es ist vollbracht!«, jener Arie, die in tiefster Ruhe und Trauer, nur von Orgel und Violoncello begleitet, beginnt und einen melismatisch wild aufflammenden Teil (»Der Held aus Juda«) einschließt.

Emotional, ja – emphatisch kann man wohl die gesamte Passion nennen. Christian Bonaths Dirigat war engagiert, fast wild. Immer wieder schien er zu fordern, nicht zuletzt Artikulation. Das dirigentische Wirbeln riß mit, ohne 1:1 in die Musik einzufließen – der Mann »brennt« offenbar für sein Amt. Chor wie Solisten gelang dabei eine differenzierte Darstellung. Gerade die Kapellknaben gefielen, weil sie die unterschiedlichen Rollen (Häscher / Volk / Hohepriester) auch verschieden darstellten. Die Choräle waren von erregter Emotionalität dagegen frei, manche (»In meines Herzens Grunde«) außerordentlich flott, die nachfolgend gesetzte Pause erschloß sich nicht unbedingt.

Tenor Alexander Schafft kam der Darstellungsvielfalt ebenso nach: einerseits ein Erzähler, der sich der Empathie nicht verschloß und Momente wie »weinte bitterlich« glaubhaft wiedergab, also mit eingebundenen und nicht herausgestellten musikalischen Mitteln, andererseits unterschied er klar den Ausdruck der ausgezeichneten Arien sowie des Ariosos (»Mein Herz, in dem die ganz Welt«), das er näher an den Evangelisten anlegte.

Zum Solistenensemble gehörten außerdem Jörg Hempel (Jesus) und Felix Rohleder (Pilatus), wobei letzterer, der die Arien und das himmlisch süße Arioso im Baß übernahm, über einen vitaleren Stimmglanz verfügte. Ungemein mild und im Charakter bestens »getroffen« gelang Jörg Hempel Jesus‘ »Es ist vollbracht«.

Die Musiker der Sächsischen Staatskapelle sorgten hingebungsvoll für eine angemessene Begleitung incl. kleinster Piani, Domorganist Sebastian Freitag unterstützte das Spiel von der Truhenorgel, von wo aus er im zweiten Teil, der mit einem Choral (»Christus, der uns selig macht«) musikalisch eher schlicht beginnt, für Aufwind in der Begleitung sorgte.

Immerhin hielt nach dieser eindrucksvollen Darbietung die Andachtsstille für eine angemessene Zeit. Ob man den Applaus jedoch hätte »freigeben« sollen, bleibt fraglich, zumal es viele nicht beim Applaudieren beließen, sondern laut jubelten und johlten – das war sicher Wohlwollend gemeint, nur paßte es nicht zu Zeit und Ort. Und ein Hinweis, bitte keine Photos während der Aufführung zu machen, muß wohl auch ins Programmheft.

18. März 2024, Wolfram Quellmalz

Die Dresdner Kapellknaben laden am 4. Mai ab 11:30 Uhr zum Nachwuchstag (Wittenberger Straße 88). Am 15. Juni ist mit »The trumpet shall sound« und Händels Messiah das nächste große Konzert in der Hofkirche geplant.

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