»La finta giardiniera« überzeugt auch in der zweiten Besetzung
Nach unserem Besuch der Premiere A am Sonnabend [unser Bericht: https://neuemusikalischeblaetter.com/2024/05/02/szenen-vor-der-ehe/%5D waren wir am Dienstag gleich noch in der Premiere B der aktuellen Hochschulproduktion der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden »La finta giardiniera« im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels. Trotz des kurzen Abstands von nur drei Tagen war das Erlebnis erneut erfrischend! Darüber hinaus konnte die B-Besetzung durch individuelle Figurenauffassung und charakteristische Qualitäten überzeugen. Merke: »B« ist hier kein minderes Qualitätsprädikat im Sinne von »zweite Wahl«. Und in keinem Fall sollen die beiden Besetzungen gegeneinander ausgespielt werden! Als vorweggenommenes Fazit kann also festgestellt werden, daß trotz der im ersten Bericht genannten Kritik an der Inszenierung das Stück insgesamt »läuft«, daß Sänger und Spieler also in ihre Rollen finden und dabei individuell gestalten. So sollte Schauspiel an sich immer sein, indes – es ist nicht immer so! Wenn es also in einer Hochschulproduktion gelingt, spricht das absolut für die konzeptionelle Anlage sowie die Umsetzung. Betrachtet man die große Anzahl fremdsprachiger Studentinnen und Studenten und wie diese »im Geiste Mozarts« eingebunden werden, darf man wohl von einer besonderen Qualität der Expertise der Dresdner Musikhochschule sprechen.

Das nochmalige Erleben förderte manches wiederholt zutage, anderes in kleinen Variationen. Die szenische Einrichtung stellt Räume ebenso klar dar, wie sie insgesamt flexibel bleibt. Die an sich graue Bühnenkulisse (Pauline Malack) wird je nach Stimmung oder Geschehen durch Farblicht belebt, die Figurenzeichnung mit jeweils eindeutiger Kostümfarbe und (meist) einem dazugehörigen Tier erleichtert zudem das Verständnis bzw. den Überblick eines im Stück gewollt unübersichtlichen Ablaufes – Verwirrspiele mit falschen Namen und Masken hatten und haben eben ihren Reiz. Die Kostüme von Sabrina Geißler und Marthe Streubel verweisen aber selbst dann noch auf die Identität des Trägers, wenn allen Figuren schwarze Kleidern übergeworfen werden.

Das Ensemble vom Dienstag (Dahyun You / Sandrina, Anna Eisenmann / Serpetta, Kurumi Sueyoshi / Arminda, Max Hickl / Nardo, Sangyun Ha / Belfiore, Kyle Fearon-Wilson / Podestá und Alicja Bany / Ramiro) verschob manche Akzente im Vergleich zum Sonnabend – Kyle Fearon-Wilsons Podestá bestach mit einen Extra an Spielwitz und stimmlicher Vitalität, während die Arminda von Kurumi Sueyoshi deutlich damenhafter war. Wie ihre Kollegin der A-Serie verblüffte Sopranistin Dahyun You mit ihrem italienischen gusto in den Arien – wer hätte da eine Koreanerin vermutet?
Streiten und Zanken kann richtig witzig sein, zeigte sich erneut. Und ebenso erneut muß man Betonen, wie gut die Kinderklasse der HfM eingewoben ist. Die kleinen Doubles weisen ihren großen »Paten« manches Mal den rechten Weg, wie Youtong Wang, der Belfiore aufhilft, oder versuchen, sie zu trösten (Luna Wu / Sandrina). Manche kommentieren die laufende Szene, wie Selma Hannß, die als kleine Serpetta die Arie der großen mit zunehmend wilderen Hüpfern und lauteren Jauchzern und »Yippie«-Rufen begleitet.

Eine andere Kostprobe: zwischen dem Podestá und Belfiore, entwickelt sich ein regelrechter Wettstreit, der wohl fast die Casanova-Sphäre gestreift hätte – wenn das für den geplanten Bräutigam und den Onkel der Braut nicht so unpassend wäre. Kyle Fearon-Wilson und Sangyun Ha fechten daher ein »Stammbauduell« aus. Es geht aber noch eine Nummer klein(lich)er – auch um einen Sessel kann man streiten. Das Plus der Besetzung und Figurenführung liegt nicht zuletzt darin, die entlarvenden (menschlichen) Schwächen über das Klischee zu heben …
1. Mai 2024, Wolfram Quellmalz
Also: »La finta giardiniera« sollten Sie nicht verpassen, am besten in beiden Besetzungen. Ab Sonnabend gibt es noch sechs (bzw. zweimal drei) Vorstellungen). https://www.hfmdd.de/veranstaltungen/