Kreuzchor und Philharmonie beim Stadtfest
Zum Dresdner Stadtfest »Canaletto« ist die Dresdner Philharmonie schon oft aufgetreten, der Kreuzchor war immerhin schon einmal dabei. Am Freitag eröffneten sie »Canaletto« zum ersten Mal gemeinsam auf dem Theaterplatz. Oberbürgermeister Dirk Hilbert freute sich über den »Spannungsbogen«, der sich über zehn Bühnen in der Innenstadt erstreckte und diesmal – nach den Jahren des Umbaus – wieder den Altmarkt einschloß.
Natürlich hallt der Spannungsbogen von zehn Bühnen von überall her – so laut wie auf dem Stadtfest ist es bei den Konzerten von Kreuzchor oder Philharmonie sonst nie, selbst die »Serenade im Grünen« profitiert von der Ruhe des Pillnitzer Schloßparks. Das Moderatorenteam von Radio Dresden mit dem äußerst leutseligen André Hardt und Co-Moderatorin Kristin zeigte sich zwar gut informiert (oder »wikipedisiert«), sei es in bezug auf die drei Semperopern oder Gottfried Sempers Herkunft, aber daß der Leiter des Kreuzchores ein Kreuzkantor ist, hatte ihnen wohl niemand gesagt. Und den Auftritt von Kreuzchor und Philharmonie, die seit Jahrzehnten Oratorien, Requiem und Konzerte gemeinsam gestalten, mehrfach als »Weltpremiere« anzukündigen, war reichlich überzogen. Premiere ja, aber nur bei Canaletto – ist das die Welt?

Da wären andere Fakten wichtiger gewesen. Denn wer von den Besuchern wußte oder erkannte, daß Johann Sebastian Bachs »Tönet ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!« (BWV 214) eine weltliche Kantate und Bachs eigene Parodievorlage für Teile des Weihnachtsoratoriums war? Wer den ursprünglichen Anlaß (Geburtstag von Königin Maria Josepha 1733) kennt, kann Textzeilen wie »Königin lebe! dies wünschet der Sachse, Königin lebe und blühe und wachse!« besser einordnen. Die Kruzianer hätten sicher Auskunft geben können – vielleicht beim nächsten Mal einen von ihnen fragen?
Begonnen hatte der Kreuzchor mit Orlando Di Lassos Echolied, wofür eine Gruppe Kruzianer extra hinter dem Publikum aufgestellt worden war, um ein echtes Echo zu bieten. Mit Giovanni Giacomo Gastoldis »Fahren wir froh im Nachen«, George David Weiss’ »What a wonderful world«, oder George Gershwin »Summertime« gab es Titel, wie sie der Kreuzchor zu solchen Anlässen nicht nur gekonnt, sondern geschmackvoll zu bieten weiß. Auch die Loreley (Friedrich Silcher) oder »Shenandoah« von James Erb sind Chorklassiker, die geschmeidig und gewinnend erklangen – jedem sei empfohlen, dies in einer »richtigen« Musikumgebung, also Kreuzkirche, Kulturpalast oder Schloßpark, zu vertiefen – der Kreuzchor bietet all dies. Daß er eine regelrecht umwerfende Stimmung erzeugen kann, bewies das »Hallelujah« aus Georg Friedrich Händels »Messiah«.
An Händel scheiden sich sicher nicht die Geister, aber die Dirigenten vollzogen hier eine Staffelstabübergabe: während Kreuzkantor Martin Lehmann die Chortitel dirigierte, übernahm Václav Luks die rein instrumentalen Stücke und ließ mit den Philharmonikern und der Feuerwerksmusik-Suite gleich einmal die Funken stieben. Aber nicht nur – es handelt sich schließlich um eine Friedensmusik, die ruhige, innig-frohe Teile umfaßt. Eine Weltpremiere dürfte es übrigens durchaus gegeben haben: Zwar hat die Dresdner Philharmonie immer wieder Ausflüge in den Barock unternommen, zu Hasse, Bach und vor allem den Italienern (Vivaldi & Co.). Doch diese Alte Musik aus Frankreich hatte sie wohl noch nie gespielt. Ausschnitte aus François Francœurs Simphonies pour le festin Royal de Monseigneur le comte d’Artois (Musik zum königlichen Fest des Grafen d’Artois), wie Händels Feuerwerks- und Bachs Geburtstagsmusik also noch einmal etwas Feierliches zum Stadtfest) boten gediegene Schreittänze, Gavotten und prickelndes »Très vif« – so etwas wünschte man sich einmal im ganzen und in einem Konzertsaal. Aber wer weiß, vielleicht hat Luks‘ Auftritt ja Folgen? Er kennt zum Beispiel die Annenkirche, wo das »Dona nobis pacem« aus Bachs h-Moll-Messe seine vielleicht schönste Wirkung erreicht, sehr gut. Auf der Bühne war das Stück ein willkommener Friedensgruß, dem aber der akustische Raum fehlte.
Das als Zugabe von Kreuzchor und Philharmonie nachgereichte »Thank You for the music« (ABBA) wirkte deutlich aufgesetzt. Die Kruzianer und die von ihnen gegründeten Ensembles (zuletzt trat Sonus Aeternus in der Kreuzkirche auf, am kommenden Sonnabend VIP) haben solche Titel durchaus im Repertoire. Ob sich der Kreuzchor als solcher aber derart »verbiegen« oder anbiedern muß, darf man doch fragen. Er hat doch (original) genug zu bieten!
17. August 2024, Wolfram Quellmalz