Dresdner Kreuzchor gestaltete Abschlußkonzert des Musikfestes Erzgebirge
Die Tradition der Knabenchöre ist in den Jahrgängen des Musikfestes Erzgebirges (MFE) immer verankert gewesen. Zuletzt waren der Tölzer Knabenchor (2020) und die Thomaner (2022) zu Gast. In diesem Jahr klappte es endlich mit dem Dresdner Kreuzchor, nicht zuletzt wegen der ungewöhnlichen Ferienlage (damit früher Beginn des Schuljahres). Dabei schloß sich insofern ein Kreis, daß der aktuelle Kreuzkantor Martin Lehmann nicht nur selbst ein ehemaliger Kruzianer ist, sondern auch einer der ersten Studenten von MFE-Intendant Hans-Christoph Rademann war.
Gestern gestaltete der Kreuzchor in der St. Wolfgangkirche Schneeberg das Abschlußkonzert des MFE und erwies sich als herausragender Botschafter in eigener Sache. Denn auf dem Programm standen Werke aus der Tradition der Kruzianer. Teils solche, die sie seit der Reformation gesungen haben (Heinrich Schütz), teils von ehemaligen Kreuzkantoren (Oskar Wermann oder Gottfried August Homilius) oder sogar Kruzianer geschrieben.
Wobei man im letzteren Fall das »ehemaliger« erst seit dem Sommer dazusetzen kann, denn Anton Matthes, aktueller Preisträger des Rudolf-Mauersberger-Stipendiums und bis Schuljahresende Erster Chorpräfekt, hat den Kreuzchor nach seinem dem Abitur eben erst verlassen, um sich intensiv dem Studium der Kirchenmusik und der Komposition zu widmen.

Unterstützt wurden die Kruzianer von einer Handvoll Instrumentalisten (Katharina Schlegel / Viola da gamba, Tillmann Steinhöfel / Violone, Martin Steuber / Laute, Sebastian Knebel / Cembalo sowie Philipp Marguerre / Glasharmonika). Während die Glasharmonika mit ihren schwingend-sphärischen Klängen hier und da begleitete oder Übergänge schuf, stellten die anderen vier Musiker die Kapelle, etwa für Heinrich Schütz‘ Geistliche Chormusik. Vieles erklang aber a cappella.
Wie Christian Theodor Weinligs »O lux beata Trinitas« zu Beginn, mit dem die Kruzianer singend in die St- Wolfgangkirche einzogen. Weinlig war nur von 1814 bis 1817 Kreuzkantor gewesen, später setzte seine Motette »Laudate Dominum« mit freudigem Ruf den positiven Duktus des Konzerts fort.
Nicht fehlen durften natürlich Werke von Johann Sebastian Bach (Motette » Jauchzet dem Herrn, alle Welt«) und Heinrich Schütz (Geistliche Chormusik »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes«). Das strich nicht nur die Bedeutung beider Komponisten heraus, sondern betonte den festlichen Abschluß des MFE. Der Kreuzchor, ohnehin derzeit in einer äußerst vitalen Verfassung, zeigte sich dabei flexibel in der Stimmführung wie in den Aufstellungen der mehrchörigen Stücke und bestach vor allem darin, daß er der Musik und ihrem Affekt folgte. Er weiß also Spannungsverläufe darzustellen und Gefühle auszudrücken, kann aber ebenso mit schlichten, wenigen Mitteln eine große Wirkung erzielen.
Manche Stücke beeindruckten mit ihrer Fokussierung, der Konzentration auf einen gedanklichen oder spirituellen Kern, wie Oskar Wermanns (Kreuzkantor 1875 bis 1906) »Vater unser«, dem ein wohlgesetztes Echo und die Raumwirkung noch mehr Tiefe verliehen. Einen besonderen Eindruck hinterließ Anton Matthes‘ »Lux aurea«. Wie schön, daß seine Werke, die in der Dresdner Kreuzvesper oft zu hören waren, nun weitergetragen werden! Den spontanen Zwischenapplaus nach seinem Stück darf man wohl der Wirkung zurechnen, die Anton Matthes mit seiner Komposition erreicht hat.
Natürlich ist der Kreuzchor tief in der romantischen Musik verwurzelt. Max Regers »Morgengesang« stand ebenso dafür wie Felix Mendelssohns »Richte mich, Gott« und »Herr, nun läßest du deinen Diener in Frieden fahren«, bei dem der Kreuzchor das »… daß er [der Heiland] ein Licht den Heiden« leuchtend hervorhob – als ob es für das Jahrgangsmotto des MFE »leuchten« gemacht wäre.
Neben der jüngsten Komposition seiner Geschichte knüpfte Martin Lehmann mit Gottfried August Homilius‘ »Seid fröhlich in Hoffnung« an einen Komponisten an, der beim Kreuzchor eine kleine Renaissance erlebt und – von der Kapelle und der Glasharmonika unterstützt – die christliche Herkunft des Chores vermittelte.

Unverzichtbar, schon weil unübersehbar wegen seiner Amtszeit, die zwei Diktaturen einschloß (1930 bis 1971), war Rudolf Mauersberger. »Schola crucis, schola lucis« war (wie »Lux aurea«) eines der für Männerchor geschriebenen Werke. Darüber hinaus schloß die Flexibilität des Kreuzchores skandinavische Komponisten ein. Eric Whitacres »Lux aurumque« gehört längst zum allgemeinen Chor-Gut, Jaakko Mäntyjärvis den Opfern des Estonia-Untergangs gewidmeter Canticum calamitatis maritimae wiederum hat sich in den letzten Jahren eine eigene Tradition bei den Kruzianern gesichert und wurde schon mehrfach berührend aufgeführt. Noel Decker übernahm hier ein glasklares Sopransolo, wobei die ohne Schärfe tragenden Soprane überhaupt zu den Vorzügen des Kreuzchores gehörten. Sie traten noch einmal in »Stars« von Ēriks Ešenvalds hervor. Bei diesem Stück behelfen sich die Chorsänger sonst mit Wassergläsern, über deren Rand sie streichen, um jenen sphärischen Klang zu erzeugen. Zum Abschluß des MFE erklang das Werk nun einmal in der originalen Besetzung für achtstimmigen Chor und Glasharmonika. Noch einmal lotete der Kreuzchor den besonderen Raumklang der St. Wolfgangkirche aus, als er seine Zugabe, Gabriel Rheinbergers »Abendlied«, um das Publikum stehen präsentierte.
9. September 2024, Wolfram Quellmalz
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