»Ich bin verliebt, was geht mich der Staat an?«

Premiere von Sergej Prokofjews »Die Liebe zu den drei Orangen« an der Semperoper

Komödie oder Tragödie – diese Frage steht nicht nur am Anfang von Sergej Prokofjews »Die Liebe zu den drei Orangen«, sie läßt sich auch auf die Zugehörigkeit des Genres oder den Charakter des Bühnenspiels legen. Carlo Gozzis »L’amore delle tre melarance«, das der Oper zugrunde liegt, gibt sich – eingeschlossen Figuren wie Truffaldino und Pantalone – noch als Werk der Commedia dell-arte zu erkennen. Vieles davon incl. der teils rohen Späße, hat sich bei Prokofjew erhalten. In seiner Expression gesteigert führt er es aber in die Groteske – und gestattet dem Prinzen, sein Glück zu finden.

Komödie oder Tragödie? Das Spiel kann beginnen! In der Mitte: Smeraldina (Georgina Fürstenberg), der Prinz (Mauro Peter), Truffaldino (Aaron Pegram) und König Treff (Georg Zeppenfeld), außerdem: Sächsischer Staatsopernchor und Komparserie, Photo: Sächsische Staatsoper, © David Baltzer

In Evgeny Titovs Inszenierung wird die Expression im Bühnenbild von Wolfgang Menardi weitergeführt. Die Geometrie von Spiegeln bzw. Bildschirmen, das als Würfel angedeutete Haus (oder Schloß) sowie die Treppenpyramide enthalten kubistische Elemente, die sich aber ins Gesamtbild fügen statt sterile Umgebung schaffen. Und obwohl das Regieteam die Farben fast auf drei reduziert (weiß, schwarz und orangerot), kommt keine nüchterne oder neutrale Stimmung auf. Einerseits wird das Schema in ein paar Ausnahmen durchbrochen, vor allem aber treffen auf der Bühne Commedia und Grottesca dell’arte aufeinander.

DAS STÜCK

Der Prinz schläft – ist er krank oder nur gelangweilt? Die Ärzte sind ratlos oder zu ängstlich, dem König die Wahrheit zu sagen. Der ist besorgt, soll sein Sohn doch irgendwann nach ihm das Land führen! Spaß soll helfen, den Prinzen zu heilen, doch er kann über die engagierten Komödianten nicht lachen. Dafür über das (gefährliche) Mißgeschick, als Zauberin Fata Morgana eine Treppe herunterstürzt. Für seinen Lachanfall wird er sogleich bestraft: die Zauberin rächt sich mit einem Fluch – in drei Orangen soll sich der Prinz verlieben. Am Hof von Kreonta findet er sie schließlich …

INSZENIERUNG UND AUFFÜHRUNG

In der Semperoper eröffnet das Stück optisch wie musikalisch grell – helles Licht, später fabriziert Wolfgang Menardi einen feurig-orangeroten Sonnenaufgang, der den ganzen Saal ausleuchtet. Doch die Grellheit schneidet weder ins Auge noch ins Ohr. Mag die Sächsische Staatskapelle noch so romantisch geprägt sein, sie läßt sich doch verführen, dies nicht als Korsett zu verstehen. Schon an diesem ersten Abend überzeugt Erik Nielsen (Musikalische Leitung), wie er Kolorit hervorhebt, die Expressivität in Klängen einfängt, die nicht wild fluten, sondern einer Kontur folgen, immer bereit, eine Figur zu konterkarieren, etwa den Baß der Köchin (einer Colombina) mit der Tuba. Statt subtiler Untertöne bietet die Kapelle für alles Hintergründige und Nebenbei kräftige Ströme – der Schwung trägt die Inszenierung bis hin zu turbulenten Szenen à la Rossini. So wird auch der Königsmarsch zu einem emotionalen Trageelement in szenischen Variationen. Und Nielsen bindet den Sächsischen Staatsopernchor Dresden (Einstudierung: Jonathan Becker) von Beginn ein. In ihm stehen sich zunächst die Kontrahenten, die der Komödie und der Tragödie anhängen, feindlich, fast schon aggressiv gegenüber. Im Verlauf heizt der Chor in Gruppen immer wieder die Szene auf, bleibt dabei verständlich (gesungen wird deutsch).

Nicht das Ei des Kolumbus, sondern drei Orangen wollen sie finden: Truffaldino (Aaron Pegram) und der Prinz (rechts hinten: Mauro Peter), in der Mitte neben Truffaldino: die schreckliche Köchin (Taras Shtonda), Photo: Sächsische Staatsoper, © David Baltzer

Die phantasievollen Kostüme von Emma Ryott unterstreichen das Bild. Komödianten und Tragödianten sehen völlig gleich aus, dafür aber treten die Kontraste von schwarz und glänzendem Weiß hervor. Mit Federn, Lurchenfingern und Frackschößen, die wie Teufelsschwänze aussehen, spitzt Emma Ryott die Dreifarbigkeit der Bühne durch eine Vielfalt der Formen noch zu. Daß ihr darin eine Pointiertheit der Kostüme bzw. Rollen gelingt, ist schon deshalb wichtig, weil es bei Prokofjew viele gleichwertige Rollen gibt – nicht einmal der Prinz steh über allen.

Und so hat Georg Zeppenfeld als König Treff eher kleine, wiewohl markante Auftritte. Optisch eher ein alter Märchenkönig, steuert er seine Stimme bei – untadelig auch deshalb, weil er für die Rolle nicht mehr Platz beansprucht, als Prokofjew bzw. dessen Librettist Wsewolod Meyerhold ihm gewährt. Dennoch macht es Zeppenfeld nicht nebenbei, legt seine ganze Würde in diesen König.

Truffaldino (Aaron Pegram) findet die Orangen, doch er ist der falsche Adressat – die ersten beiden Prinzessinnen Linetta (Michal Doron) und Nicoletta (Valerie Eickhoff), die ihnen entschlüpfen, verdursten. Erst der Prinz (Mauro Peter) wird die Lage retten, Photo: Sächsische Staatsoper, © David Baltzer

Der Sohn, der Prinz, wird von Mauro Peter aus seinem Dämmerschlaf (es war wohl doch Langeweile) erweckt. Im feschen Schlafanzug geht der Prinz auf Reisen, ist plötzlich wach (wenn auch nicht immer). Mauro Peter spielt die Bandbreite seines Tenors in voller Größe aus – zaghaft ist weniger gefragt, dafür Verve. Selbst beim Gähnen klingt dieser Prinz schön!

Truffaldino (wörtlich: Betrüger) hätte als ein Untergebener des Königshauses mit all dem nicht viel zu tun. Doch greift er ständig ein und ist – willentlich und unwillentlich – am Sturz der Zauberin Fata Morgana Schuld. Er begleitet den Prinzen auf seiner Suche  nach den drei Orangen und erblickt diese als erster. Aaron Pegram beweist einmal mehr sein Können für Spezial- und Extremrollen und wird zu einem der Hauptakteure. Ständig agierend, läuft Truffaldino – zumindest im Vergleich zum Zauberlehrling – nicht alles aus dem Ruder, manches aber doch. Mit seinem gekonnten Balanceakt (kaum eine Figur vereint Komödie und Tragödie so wie diese) erspielt und ersingt sich Aaron Pegram ein wenig den Publikumspreis und einen Extraapplaus.

Aber auch andere reizen das Publikum schon mitten im Stück zum Lachen. Wie Taras Shtonda als schreckliche Köchin und größte »Abweichlerin« in rosa mit dem Charme von Oliver Hardy. Alexandros Stavrakakis als Zauberer Tschelio undFlurina Stucki als Fata Morgana feilschen nicht nur stimmlich um die größere Zauberkunst, sie stechen sich schon zu Beginn mit Spielkarten aus – in Wahrheit geht es doch um mehr als nur Karten! Während die beiden auch stimmlich aufdrehen, strahlt Minister Leander (Neven Crnić) Hintergründigkeit aus – ein eher leiser Manipulateur. Überhaupt scheint er kaum greifbar, wie eine Spukgestalt!

Der König (Georg Zeppenfeld) will, daß der Sohn (Mauro Peter), heiratet. Nur über die Braut sind sie sich zunächst uneins. Außerdem (hinten): Pantalon (Danylo Matviienko), Zeremonienmeister (Gerald Hupach), Truffaldino (Aaron Pegram), Komparserie, Photo: Sächsische Staatsoper, © David Baltzer

Hier will jeder seinen Beitrag leisten (oder sein Stück vom Kuchen abbekommen): Prinzessin Clarissa (Nadezhda Karyazina) ebenso wie Smeraldina (eine Gehilfin Fata Morganas, Georgina Fürstenberg) oder Pantalon (Danylo Matviienko). Auch Windteufel Farfarello (Tilmann Rönnebeck) trägt seines bei, denn er bläst den Prinzen und Truffaldino überhaupt erst nach Kreonta.

Zwischendurch scheint es, das viele Spiel und Gegenspiel habe keinen Gewinner – es wirkt ein wenig wie Venedig ohne Wasser. Doch am Ende wird der Kuchen (oder die Apfelsinen) gerecht geteilt, der Trug aufgedeckt, Prinzessin Nicoletta (Valerie Eickhoff), die sich erst, um Wasser flehend, divenhaft aus einer der drei Orangen räkelte, um kurz darauf in eine Ratte verwandelt zu werden, erhält ihre wahre Figur zurück und darf den nun genesenen Prinzen heiraten. Ende gut, alles gut? Da verschwinden die begnadigten Bösewicht im Boden …

8. Dezember 2024, Wolfram Quellmalz

Sergej Prokofjew »Die Liebe zu den drei Orangen«, Semperoper Dresden, mit Erik Nielsen (Musikalische Leitung), Mauro Peter (Prinz), Aaron Pegram (Truffaldino), Georg Zeppenfeld (König), Nadezhda Karyazina (Prinzessin Clarissa) und anderen, wieder am 11., 15., 18. und 20. Dezember sowie zweimal im Januar https://www.semperoper.de

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