Joshua Weilerstein feuerte als Einspringer Debut bei der Sächsischen Staatskapelle
Die Absage von Herbert Blomstedt für das achte Sinfoniekonzert bei der Sächsischen Staatskapelle war doppelt bedauerlich. Einerseits erwarteten viele den Auftritt des nicht nur Ehren- sondern verehrten Dirigenten, andererseits hatte er eine der Sinfonien Jean Sibelius‘ im Programm. An sich bereits selten im Konzert zu erleben, versprach sie mit Blomstedt einen besonderen Genuß. Nur ist man auch mit 97 Jahren nicht vor Ohrenentzündungen gefeit.
Für Joshua Weilerstein war es eine Gelegenheit, den Einstand bei der Sächsischen Staatskapelle zu feiern. Das Programm freilich ordnete er vollkommen neu: Zwar blieb Ludwig van Beethoven als Komponist im Programm, statt seiner vierten Sinfonie erklang jedoch das vierte Klavierkonzert mit Emanuel Ax. Jean Sibelius mußte dagegen der neunten Sinfonie »Aus der neuen Welt« von Antonín Dvořák weichen. Dafür gab es am Sonntagmorgen in der Semperoper aber mit Gideon Kleins Partita eine zusätzliche Einleitung und Repertoireneuerung. Vojtěch Saudek hatte das Werk des kurz vor Kriegsende im KZ Fürstengrube umgekommenen jüdischen Komponisten, ursprünglich für Streichtrio geschrieben, für ein Streicherorchester eingerichtet.

Auf diese Weise ergab sich durchaus eine tschechisch-volkstümliche »Klammer«, denn der in Mähren geborene Gideon Klein hatte manche Melodien in seinem Trio verarbeitet, während der Böhme Dvořák, wie sich gleich zu Beginn seiner Sinfonie zeigen sollte, in der neuen Welt eben nicht nur neue Ideen fand, sondern auch seine ureigene Idiomatik hinzufügte.
In der Orchesterfassung überzeugte die Partita nicht nur durch die volkstümlichen, ja fröhlichen (wenn man Entstehungszeit und -ort bedenk!) Verarbeitungen, sondern durch die gesamte Anlage mit dem slawisch emotionalen Mittelsatz. Mag sein, daß die Orchesterfassung manche Kontraste durch Kontrabässe oder Pizzicati noch betonte – ein Vergleich mit dem Original im Kammerabend wäre natürlich reizvoll, ist aber nach der kurzfristigen Programmänderung des ungeplanten Werkes wohl kaum möglich.

Emanuel Ax war zuletzt für einen hinreißen Schubert-Abend nach Dresden gekommen (Musikfestspiele 2023). Ludwig van Beethovens vielleicht poetischstes Klavierkonzert profitierte ganz sicher von seinem delikaten Anschlag, wobei der Pianist bereits mit dem behend nach oben geschwungenen Anfangsnoten ein kleines Achtungszeichen setzte. Wenn es den Begriff »hoch romantisch« gibt, muß die Klassifizierung »zutiefst romantisch« ebenso gelten dürfen. Sie träfe den Dialog, der sich zwischen Orchester, vor allem den Bläsersoli (aber auch Violoncelli) und Solist ergab, am besten. Die Sächsische Staatskapelle konnte das Klavier noch im gediegenen Piano sicher umschließen, während Emanuel Ax in der Kadenz des ersten Satzes ein wenig Schubert perlen zu lassen schien. Im Gespräch des Andante trafen sich Solist und Orchester letztlich in einem satten Akkord. Im lebhaften Rondeau zeigte die Staatskapelle schließlich, daß ihr leuchtendes Forte kein Jota weniger gediegen ist als das Piano. Emanuel Ax streute die Kadenz lustvoll ein. Auch hier, im »Lustprinzip«, sollte es eine Programmbrücke zu Dvořák geben. Zunächst aber gab Emanuel Ax noch Franz Liszts Serenade (nach Schuberts »Ständchen« aus dem Schwanengesang D957) zu – leise flehende Lieder und Nachtigallen also zum Frühlingsanfang. Lustvoll griffen sich Joshua Weilerstein und die Sächsische Staatskapelle nach der Pause Dvořáks bekannteste Sinfonie. Nicht nur kehrten sie den volkstümlichen Charakter hervor, auch die darin enthaltenen Liedmelodien. Das Largo glänzte trotz gering kleinerer Baßbesetzung gerade in den dunklen Farben, was vor allem an Englischhorn und Hörnern lag. Das glockenhafte, federnde Scherzo mündete in ein wahres Finale – Allegro con fuoco. »Leise flehen« mochten auf Schubert oder Rellstab passen, Dvořák rief frohgemut in die Neue Welt. Vielleicht nicht so konsequent wie Beethoven, klang ein dialogisches Prinzip bei den Solisten dennoch durch. Joshua Weilerstein formte bis zum Ausklang der Bläser am Schluß die Sinfonie in diesem Konzert wohl am differenziertesten aus.
23. März 2025, Wolfram Quellmalz