Felix Mendelssohn stand bei Janine Jansen und der Camerata Salzburg im Mittelpunkt
Am Donnerstag empfingen die Dresdner Musikfestspiele zwei liebgewonnene Gäste: Janine Jansen und die Camerata Salzburg. Doch anders, als mancher vermutet hatte, spielte sie nicht in der Frauenkirche, sondern im Kulturpalast. Und auf dem Programm stand kein Mozart oder vergleichbares, sondern Bach (in einer Abwandlung), vor allem aber Felix Mendelssohn. Der ist nicht nur als Wunderkind, Komponist und Virtuose in Erscheinung getreten, sondern auch als Dirigent. Mit dem Leipziger Gewandhausorchester sorgte er für einige Uraufführungen und führte den Dirigierstab in deutschen Konzertsälen ein – wofür er teils heftig ausgezischt wurde. Daß nun die Camerata Salzburg ausgerechnet ohne Dirigenten auftrat, konnte ein wenig erstaunen, nicht nur im Violinkonzert, als teilweise zwei Geiger vor dem Orchester standen, denn Konzertmeister Gregory Ahss erhob sich immer wieder von seinem Sitz, wenn es die Leitung erforderte.
Überraschend war bereits – wenn man die gewohnten Maßstäbe von Konzerten mit Dirigenten anlegt – wie die Camerata nach dem Stimmen ihrer Instrumente sitzenblieb und zu spielen begann. Johann Sebastian Bachs Ricercar a 6 aus dem »Musikalisches Opfer« (BWV 1079) erklang in der Fassung für Kammerorchester von Shane Woodborne. Zunächst schlank und durchhörbar, mit den Flöten beginnend, konnte das Werk aber nicht annähernd jene Spannung entwickeln, wie sie auf dem Cembalo (Original) entsteht oder jene Faszination und Komplexität der luziden Orchesterbearbeitung von Anton Webern. Was aber nicht am Orchester lag – das Stück bot kaum mehr als ein mulmiges Reihum der Instrumente in der Nachfolge Leopold Stokowskis.
Ohnehin war die Hauptsache des Programms sicherlich Mendelssohns zweites Violinkonzert und ganz speziell in der Besetzung mit Janine Jansen. Ihr gelang es, dem Publikum nicht nur ein Lieblingsstück zu präsentieren, sondern es auf unnachahmliche Art frisch zu halten, ohne capricieuse Eigenheiten einzusetzen. Fast zwanzig Jahre ist es her, daß die Niederländerin das Stück mit dem Gewandhausorchester unter Riccardo Chailly aufgenommen hat – es ist nach wie vor eine der schönsten Einspielungen!
Der eben noch nur vorgeführte Klang des Orchesters war nun dicht, dunkel und substantiell, Janine Jansens Violine nahm das Konzert hingebungsvoll – schlank, gefühlvoll, aber auch emotional, mit kleinen, geschmackvoll gesetzten »Schluchzern«. Außerdem waren sich die Solistin und die Camerata in den Piani einig, die sie beide mit Delikatesse, aber nicht beliebig effektvoll einsetzten. Jansen nahm gerade den Weg zum höchsten Ton nicht schmachtend, sondern lerchenhaft leicht. Aus der luftigen Höhe stürzte sie sich vehement, aber nach wie vor gesangvoll, in die nächste Passage. Den Eindruck der Hingabe und Vehemenz konnte sie in der Kadenz sogar noch steigern.

Das Orchester sorgte mit manch gerade kräftigen Klangfarben für willkommene Gegensätze, »fing« die Violine überaus geschmeidig auf – Mendelssohn hat für die Solovioline teilweise Wippfiguren geschrieben, die leicht zu »kippeln« scheinen, sich aber schließlich innig mit dem Orchester vereinen. Hierbei und besonders im Finale gelang Gregory Ahss eine pointierte Begleitung.
Die innige Verbindung Jansen – Camerata hielt noch etwas länger, denn gemeinsam ließen sie die Passacaglia aus Bachs Violinkonzert E-Dur (BWV 1042) als Zugabe folgen.

Nach der Pause stand die »Reformationssinfonie« von Felix Mendelssohn auf dem Programm. Die fünfte der großen Sinfonien des ehemaligen Wunderkindes ist vielleicht seine erhabenste. Hier schien die Besetzung doch etwas klein und die Stimmigkeit nicht optimal – wäre es mit einem Dirigenten nicht besser gewesen? Denn die einzelnen Instrumente klangen teils superb, gerade die Holzbläser (Flöte!) entwickelte eine betörende Kraft.
Zugegeben, es ist »Meckern auf hohem Niveau«, aber gerade die Erhabenheit dieser Sinfonie hätte von noch mehr Homogenität und Präzision der Einsätze profitiert. Der erste Satz mit seinem aus einem Präludium wachsenden Schwung und der dritte, in dem die feine Pianokultur der Salzburger wieder zum Tragen kam, konnten aber betören, dazwischen gab es das »italienische Intermezzo«. Der Choralsatz überzeugte nicht nur wegen seiner Gesanglichkeit, sondern mit den ordentlich verschränkten Stimmen – da standen Bach Pate und Woodborne endgültig im Schatten.
6. JUni 2025, Wolfram Quellmalz
CD-Tip:
